Welt : König gegen Kronprinz

Ralf Hübner / Matthias Meisner

Der Abschied naht. Es sei seine letzte Neujahrsansprache, hatte Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf am Silvesterabend seine Landeskinder wissen lassen - und den Zeitrahmen für seinen Rücktritt weiter eingegrenzt.

Offen ist, wen der Ministerpräsident im Sinne des von ihm angestrebten "geordneten Übergangs" als geeigneten Nachfolger akzeptieren wird. Als ernst zu nehmender Bewerber gilt der neue CDU-Landeschef Georg Milbradt, der sich im Herbst in einer Kampfabstimmung gegen den von Biedenkopf protegierten Umweltminister Steffen Flath durchsetzen konnte. Als es noch nicht um Milbradt ging, hatte Biedenkopf vor, gemeinsam mit seinem "Kronprinzen" in den Wahlkampf 2004 zu ziehen. Inzwischen sorgt sich mancher in den Reihen der sächsischen Union, Biedenkopf könnte versuchen, die auf Milbradt gestellten Weichen in eine andere Richtlung zu lenken.

Nach außen vermittelt Biedenkopf den Eindruck, dass sein Widerstand gegen den von ihm aus dem Finanzminister-Amt gedrängten Milbradt schwächer wird. Anders als bei der Wahl zum CDU-Chef vermeidet es Biedenkopf, einen Favoriten für die Ministerpräsidenten-Kandidatur zu benennen. Auch die Affäre um den Ikea-Rabatt, die zu Rücktrittsforderungen aus den Reihen der CDU-Landtagsfraktion führte, deutet auf eine Verschiebung im sächsischen Machtgefüge hin. Seinerzeit ließ sich Milbradt einige Tage Zeit, ehe er seinem Ministerpräsidenten zur Seite sprang und verkündete, dass Biedenkopf zwischen den Jahren "über die Zukunft" nachdenken wolle. Womöglich hat Milbradt Biedenkopf nur unterstützt, weil der CDU-Landeschef zuvor Zugeständnisse in der Nachfolgefrage bekommen hat.

Gegen Milbradt spricht, dass nur Teile der CDU-Landtagsfraktion hinter ihm stehen. Einige CDU-Abgeordnete interpretieren das Vorpreschen der Milbradt-Anhänger gegen Biedenkopf als Putschversuch. Andererseits: Je rascher Biedenkopfs Rückzug kommt, um so weniger Alternativen gibt es zu Milbradt. Früher gehandelte mögliche Bewerber wie Flath oder Europaminister Stanislaw Tillich fahren auf dem Kandidaten-Karussell nicht mehr mit. Außenseiterchancen bleiben dem neuen Finanzminister Thomas de Maiziere, der in seinem Amt einiges Verhandlungsgeschick bewiesen hat. Zumindest ein intensives Gespräch de Maizieres mit Biedenkopf bei einem Waldspaziergang ist verbürgt, auch wenn über Inhalte nichts bekannt wurde. Für Unruhe könnte eine Bewerbung de Mazieres allemal sorgen. Ernsthaft in die Krise käme die Sachsen-CDU, wenn ein Sonderparteitag Milbradt als Ministerpräsidentenkandidat nominieren würde, dieser dann aber von der Fraktion bei der Abstimmung im Landtag nicht getragen würde.

Das Szenario gilt als unwahrscheinlich, zur Ruhe gekommen ist Sachsens CDU aber nicht. Erst kurz vor Weihnachten tauchte die Idee auf, CDU-Bundeschefin Angela Merkel könnte die Nachfolge Biedenkopfs antreten. Wer den Vorschlag zuerst gemacht hat, blieb unklar, Sachsens CDU-Führung hielt ihn schnell für abwegig. Aber aufgefallen ist, dass der Biedenkopf-Vertraute Thomas de Maiziere ein alter Bekannter von Merkel ist - gemeinsam machten sie in Schwerin Politik: Wieder ein Indiz dafür, dass die Amtsübergabe von Biedenkopf an Milbradt nicht reibungslos verlaufen wird.

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