Welt : Königliche Hochzeit: Die Krönung der Liebe

Rico Czerwinski

Bitte, dass jetzt nichts mehr schief geht. Bitte weiterlächeln, weitergehen, acht Schritte noch und vier Stufen, hinauf zum Altar, bis zu Carel ter Linden, dem Pfarrer. Eine halbe Minute noch. Eine halbe Minute schweigen. Hören, was Willem sagt. Dann sie, dieses kurze Wort, und dann ...

Maxima Zorreguieta trägt weiße Rosen, weiße Gardenien und ein hochgeschlossenes, römisches Kleid aus elfenbeinfarbener Mikado-Seide. Es ist 12 Uhr 27 an diesem frühen Samstagnachmittag, draußen ist Frühsommer in der Mitte von Amsterdam, und sie schreitet über den glutroten Teppich im breiten Mittelgang der Nieuwe Kerk, der "Neuen Kirche". Sie haben gebetet, sie haben Geschichten aus der Bibel gehört, und aus Mozarts Missa Solemnis, Kyrie Eleison, Herr erbarme dich. Sie war gut, sie sah schön aus, trotz des Polterabends, sie lächelte, trotz der Zeitungsartikel. Es ist 12 Uhr 27 an diesem 2.2.2002, diesem Glückstag, und sie hat es fast geschafft.

Traumhochzeit in Holland Fotostrecke:
Die Argentinierin Maxima und Prinz Willem-Alexander geben sich in Amsterdam das Ja-Wort Zwei Jahre hat sie gelächelt, geliebt und geschuftet. Zwei Jahre, in denen sich ihr Herz manchmal so löchrig angefühlt haben muss wie ein kleines Teesieb, so viele Stiche. Und immer noch kann etwas schief gehen, irgendwas. Wie so vieles schief gegangen ist in den letzten Tagen, Monaten vor der Hochzeit. Zu viel, eigentlich.

Vorgestern zum Beispiel, die Familie hatte ein Dinner gegeben, Edward von England war da, seine Frau Sophie, Ernst August von Hannover, Caroline von Monaco, viele andere. Und dann saß auch sie da, Victoria, die brünette Schwedenprinzessin. Sie aßen, tranken, lachten, und am nächsten Tag stand in der Zeitung, diese Frau sei "eine Ex-Affäre" von Willem, und dass seine Mutter, die Königin, sie viel lieber zur Schwiegertochter gemacht hätte. Dass sie selbst, die Bürgerliche, nur zweite Wahl war. Das muss weh getan haben, so kurz vor der Hochzeit.

Aber das ist nun alles nicht mehr wichtig. Was nun wichtig ist, ist Haltung. Und wie sie mit ihm in dieser Kirchhalle steht, so weit weg von zu Hause, weg von Buenos Aires, von seinen Stränden, seinen bailantas, Tanzhallen, in einem kleinen, grauen Land in Europa, wie sie manchmal nervös zwinkert, aber ansonsten so stolz ist und souverän, wie alles an ihrem Lächeln abzuprallen scheint, das sie trägt wie einen Panzer, da sieht es auf einmal so aus, als ob das heute ihr Tag werden kann. Als ob sie ihn dazu machen kann.

Sie hatte nicht mehr als ein Foto von Willem gewollt, am Anfang. 1999 war sie irgendeine Investmentexpertin der Deutschen Bank, lebte in New York, tanzte auf einer High-Society-Party in Sevilla, und auf einmal tauchte dieser Prinz auf, seine Mutter war die Königin der Niederlande, eine der reichsten Frauen der Welt. Bei ihr zu Hause, in Argentinien, gab es sowas nicht, Prinzen, Könige. Kurz darauf das erste Foto in einer niederländischen Zeitung. Jung sah sie aus, blond. Ein bisschen wild. Exotisch. Sie tanzt auf diesem Foto, sie ist eine gute Tänzerin, natürlich. Eine porteña ist sie, stolze Tochter einer lasziven Stadt.

Als die Niederländer sie so sahen, sie zum ersten Mal sahen, sagten sie gleich "Ja". Zumindest die männlichen. Es gab da so ein Mitbestimmungsrecht in dem kleinen Land, wer einen Königsspross heiraten wollte, musste nicht nur ihm allein gefallen, schon gar nicht, wenn er der Thronfolger war. Wer den heiratete, heiratete nicht nur einen Mann, sondern auch ein Volk. Ihre Liebe war eine öffentliche Angelegenheit.

Die Niederländer schlossen sie bald ins Herz. Aber nicht so, wie sie war. "De Volkskrant", eine große Tageszeitung, startete "Helft Maxima", eine bestimmt gut gemeinte Kampagne. Leser, und vor allem Leserinnen, gaben Tipps, wie es zuging in Holland, zum Beispiel, dass Männer und Frauen hier "weniger Geliebte als gute Kameraden" für einander zu sein hatten. Auch Premierminister Kok äußerte sich: "Es blüht etwas Schönes zwischen den beiden, und das finde ich spannend." Er redete wie ein guter Onkel. Aber nur am Anfang. Dann kam die Sache mit ihrem Vater.

Heute können die Holländer es nicht mehr hören, aber damals, vor zwei Jahren, da gab es einen Skandal. Jorge Horacio Zorreguiata war Landwirtschaftsminister der argentinischen Militärjunta unter General Videla, einer Diktatur, die von 1975 bis 1981 zehntausende Menschen entführte, sie folterte und ermordete. Maximas Vater hatte ein menschenverachtendes Regime mitgetragen. So einer konnte nicht in einer Hochzeitskutsche mit der Königin fahren. Monatelang wurde gestritten und verhandelt, wurden Szenarien durchgespielt, und irgendwann gab Maxima auf. Verzichtete darauf, den Vater zu ihrer Hochzeit einzuladen. Worauf auch die Mutter absagte. Nun sitzen die beiden in London, vorm Fernseher, während die Tochter in Amsterdam vor den Traualtar tritt.

309 Nächte ohne Willem

Wenigstens ein paar Schulfreunde sind unter den Gästen. Sie tragen dunkle Kostüme und dunkle Anzüge. Vor der Hochzeit gaben sie einer Sekretärin des Königshauses ihre Kleidermaße durch, anschließend wurde die Hochzeitsgarderobe gefertigt, in gedeckten Farben. Königin Beatrix war nicht sicher, ob diese Argentinier nicht große Farbverwirrung anrichten könnten bei Kronprinz Naruhito (Japan), Erbprinz Alois (Liechtenstein), Großherzog Henri (Luxemburg) oder auch bei Königin Paola (Belgien). Sie hatte verfügt: Wir bestimmen, was ihr anzieht. Die Freunde gehorchten. Wussten, dass Maxima nichts mehr riskieren wollte vor dem Tag, der ihr so wichtig war.

Vielleicht wegen ihm, Willem-Alexander. Obwohl, so ein richtiger guapo ist er ja nicht gerade, so ein kühner, argentinischer Mann. Doch wie er jetzt neben ihr vor dem Pfarrer steht, in der dunkelblauen Uniform eines Kapitäns zur See mit Säbel und Orden, da sieht man, wie er sich verändert hat in den letzten Monaten vor der Hochzeit. Aus einem massiven Jüngling ist ein heiterer, schlanker Mann geworden. Willem hatte versprochen abzunehmen. Jetzt passt die Uniform wieder, da dehnt sich nichts am Saum, hat sie gut gemacht.

Tja, und dann die Schwiegermutter. So richtig Lachen fällt noch ein bisschen schwer an diesem Tag. Man flüstert, sie habe Angst vor der Blonden, weil sie schon jetzt so populär bei den Menschen sei wie sie selbst schon lange nicht mehr. Vielleicht hat Beatrix sie auch deshalb ein bisschen härter angefasst in den letzten Monaten. Beatrix, die Strenge.

Maxima musste 309 Nächte im Haus ihres Schwiegervaters wohnen, ohne Willem. Musste versprechen, ihre zukünftigen Kinder nicht katholisch, sondern protestantisch taufen zu lassen. Musste dieser protestantischen Zeremonie zustimmen, obwohl sie gläubige Katholikin ist. Und dann ließ die Königin auch noch Nachforschungen anstellen, die Sittsamkeit ihrer Jugendjahre betreffend und teilte ihr eine Gouvernante zu. Doch während Beatrix noch forschte, ging in den Niederlanden schondas Wort von einer "neuen Diana". Man flüsterte, dass man es kaum mehr erwarten könne, bis aus dem Prinzen- ein Königspaar würde und Maxima ihre Wirkung auch auf den Rest der staubigen Monarchie entfalte.

Eine Königin ist sie schon jetzt, was ihre Haltung angeht. Ein Mal nur weint sie richtig an diesem Tag, rinnen ihr Tränen über die Wangen, rinnen wie Sturzbäche. Als nach der Trauung ein Bandoneon eine fremde, traurige Musik spielt, einen Tango aus Argentinien.

Aber so weit ist es noch nicht, noch sind es drei Schritte, vor den Türen der Kirche Frühsommersamstag in der Mitte Amsterdams, noch zwei Schritte. Sie steht auf dem Podest, sieht prüfend zu ihm herüber.

Hört ihn. Ja.

Nun sie. Ja.

Und... ist seine Frau. Prinzessin.

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