Königlicher Film : King's Speech - Reden ist Gold

Der Film "The King’s Speech" zeigt einen König, der sein Stottern überwindet. Er könnte das Verhältnis zu dieser Störung verändern.

von
Der Stotterer. Colin Firth spielt in „The King’s Speech“ Georg VI., Helena Bonham-Carter seine Frau. Königin Elisabeth II. hat den Film über ihren Vater gesehen und als bewegend bezeichnet. Ihre Mutter hatte das Filmprojekt 30 Jahre lang verhindert, weil das Thema sie schmerzte. Der Film wird in Großbritannien gefeiert. Er ist zudem für zwölf Oscars nominiert, unter anderem für Colin Firth. Foto: promo
Der Stotterer. Colin Firth spielt in „The King’s Speech“ Georg VI., Helena Bonham-Carter seine Frau. Königin Elisabeth II. hat den...

Winston Churchill, Marilyn Monroe und Charles Darwin sollen damit gekämpft haben. Geredet hat man aber lieber nicht darüber. Das dürfte sich nun bald ändern. Der in England gefeierte Film „The King’s Speech“, der am 17. Februar in den deutschen Kinos anläuft, erzählt, wie der scheue und stotternde König Georg VI. nach der Abdankung seines Bruders gegen seinen Sprachfehler ankämpft und ihn mit Hilfe eines skurrilen Sprachtherapeuten besiegt. Im Krieg gegen Hitler-Deutschland werden die Reden Georgs schließlich zum Rückhalt für die Nation. Der Film ist für zwölf Oscars nominiert, unter anderem für den überragenden Hauptdarsteller Colin Firth.

Der Film verzaubert die Zuschauer. Auch die Stotterer unter ihnen sind begeistert. In der Zeitschrift der britischen Stotterer-Selbsthilfe äußern sich Betroffene und Sprechtherapeuten euphorisch. „Es war wie bei mir“, sagt einer der Betroffenen. Und es sei ein Segen, dass das Leiden am Stottern jetzt erstmals auf der großen Leinwand sichtbar gemacht werde.

Der Film könnte das Verhältnis zu dieser Störung verändern. Was können Stotterer tun? „Wirklich heilbar ist es nicht“, sagt Jutta Tepp, die an der Charité als Lehrlogopädin für Redeflussstörungen arbeitet. Stottern kleinere Kinder irgendwann im Verlauf ihrer Sprach- und Sprechentwicklung, dann verliert sich das in den meisten Fällen ganz von selbst. Da man allerdings nicht vorhersagen kann, bei welchen Kindern das der Fall ist, sollten die Eltern Rat beim Logopäden einholen, sagt Tepp – ehe das Kind seine Unbefangenheit beim Sprechen und sie selbst ihre Lockerheit verlieren, ehe sich also die Situation durch falsches Verhalten verschlimmert. Denn es gibt viele vermeintlich gute Ratschläge, die das Problem in Wirklichkeit verschärfen. Wer das Kind ermahnt, langsam zu sprechen und tief durchzuatmen, wer voller Hilfsbereitschaft (und Ungeduld) seine Sätze ergänzt, bringt es dadurch noch mehr zum Stolpern. „Jeder Versuch, bewusst nicht zu stottern, ist fatal, weil er eine Verstärkung des Verhaltens mit sich bringt, das man gerade vermeiden möchte“, erklärt die Logopädin.

Entspannung bringen dagegen alle Versuche, „leichter zu stottern“, also das Stocken und Stolpern zunächst einmal locker und gelassen zu akzeptieren. „Die Erfahrung zeigt, dass es dadurch weniger wird“, sagt Tepp.

Für Erwachsene wie den schüchternen Georg VI., die über viele Jahre hinweg schon effektive Vermeidungsstrategien entwickelt haben, ist es allerdings besonders schwer, den Teufelskreis von Stottern, Angst und Vermeiden zu durchbrechen. Übrigens sind deutlich mehr Jungen und Männer von der Störung betroffen. Über die Gründe herrscht noch keine Klarheit. Klar ist inzwischen, dass die Anlage zum Stottern erblich ist. Und dass Menschen, die stottern, im Durchschnitt weder dümmer noch klüger sind als die, die flüssig sprechen. „Stottern ist auch kein rein psychologisches Problem, es liegt ihm eine neuromotorische Koordinationsstörung zugrunde“, erklärt die Klinische Linguistin Beate Meyer, die als Sprachtherapeutin im Sozialpädiatrischen Zentrum der Charité tätig ist. Man weiß inzwischen durch den „Hirnscanner“ auch mehr darüber, was im Moment des Stotterns im Gehirn passiert: Dann sind in der rechten Hirnhälfte zusätzlich Regionen aktiv, die eigentlich nur zur Korrektur von Versprechern „eingeschaltet“ werden, bei Stotterern jedoch zu häufig in den Sprechprozess eingreifen – und diesen stören. Beim Schreien oder Flüstern sind dagegen andere Hirnregionen im Spiel – weshalb das Modulieren der Lautstärke therapeutisch genutzt werden kann.

Um die ganz normale Alltagskommunikation zu verbessern, kann man zudem neue Sprechtechniken erlernen. „Fluency Shaping“ setzt bei der Erkenntnis an, dass es Stotterern schwer fällt, Stimmgebung und Artikulation zu koordinieren. Wer konsequent trainiert, Vokale mit einem weichen und bewussten Stimmeinsatz anzugehen und Konsonanten mit weniger Druck oder Luftverbrauch zu sprechen, nimmt diese Hürde leichter. In Deutschland hat sich hier vor allem die Kasseler Stottertherapie als erfolgreich erwiesen, die der selbst betroffene Arzt Alexander Wolff von Gudenberg entwickelt hat.

Die Arbeit am fließenden Sprechen und das zähe Arbeiten daran, die Angst zu überwinden und sich überhaupt zu Wort zu melden, ergänzen sich und lassen sich gut kombinieren. Eine seriöse Anlaufstelle in allen Fragen rund um das Stottern ist die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (www.bvss.de). Wie weggeblasen ist das Problem mit einer Behandlung aber nicht. Schon weil es erwachsene Stotterer ein ganzes Leben lang begleite, seien sie empfänglich für unseriöse Heilungsversprechen, sagt Linguistin Meyer. „Es gibt da ganz schreckliche, teure und wirkungslose Therapieangebote.“

Und das nicht erst seit gestern. Im technikbegeisterten 19. Jahrhundert erfanden Mediziner eine ganze Reihe von Apparaturen, die am Gaumen befestigt wurden oder die Zunge beschwerten, um ihr das vermeintliche Holpern abzugewöhnen. Einige Chirurgen, unter ihnen der Berliner Johann Friedrich Dieffenbach, glaubten, dem Stottern gar zeitweise mit einem blutigen Eingriff beikommen zu können, bei dem ein Keil aus der Zunge herausgeschnitten und die Muskulatur danach vernäht wurde. So sollten Nervenbahnen durchtrennt und damit die chronische Verkrampfung der Zunge bekämpft werden. Bald stellte sich heraus, dass die Erfolge nicht nur teuer bezahlt waren, sondern sich auf die Phase kurz nach dem Eingriff beschränkten: Allenfalls dann, wenn die Patienten nur ganz langsam sprechen konnten und zudem von Gedanken an ihre Schmerzen in Beschlag genommen waren, besserten sich ihre Symptome.

Demosthenes soll das im vierten vorchristlichen Jahrhundert mit einer selbstverordneten Therapie erreicht haben, für die er sich Kieselsteine in den Mund legte und dann gegen die Meeresbrandung ansprach. Immerhin hatte der große griechische Rhetoriker schon damals erkannt, was sich bei King George VI. bestätigte: Dass nicht Schweigen, sondern Reden Gold ist, wenn die Laute unüberwindliche Barrieren zu bilden scheinen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben