Welt : Königsdrama von Nepal: Unter Schock

Vollkommene Fassungslosigkeit, Zweifel und Sorgen um die Zukunft lasten auf dem Himalayakönigreich Nepal. Das Land steht unter Schock. Niemand hat eine Erklärung für den Massenmord im Palast. Kronprinz Dipendra (29) soll seinen Vater, König Birendra, seine Mutter, Königin Aishwarya und alle Geschwister - seine Schwester Shruti und seinen Bruder Nirajan - getötet haben. Anschließend feuerte der Kronprinz auf sich selbst. Er liegt im Koma. Angeblich soll es beim Essen der Königsfamilie zum Streit gekommen sein. Kronprinz Dipendra habe die Tafel verlassen und sei in Kampfuniform und mit einer automatischen Schusswaffe wiedergekommen. Dann habe er das Feuer auf seine Familie eröffnet, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Grafik: Das Königreich im Himalaya Der Mörder wurde sofort zum König ausgerufen. Das Vorgehen ist zwingend vorgeschrieben. Wenn der König stirbt, wird automatisch der Kronprinz eingesetzt. Da er noch lebt, gibt es für diesen Schritt keine Alternative. Da er aber im Koma liegt, wurde sein Onkel Gyanendra zum Interimsregenten ernannt, der nun die Geschäfte führt.

Nach dem Massaker überschlugen sich wegen fehlender offizieller Informationen die Gerüchte. Mehrere hundert Demonstranten zogen am Sonnabend durch die Hauptstadt Kathmandu und forderten auf Plakaten "Strafe für die Täter". Dabei machte das Gerücht die Runde, der neue König und angebliche Mörder Dipendra sei durch Schüsse von hinten verletzt worden und habe entgegen ersten Angaben gar nicht hinter dem Massaker gesteckt. Für den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte gibt es bislang keinerlei Hinweise.

Grund für Familienstreit gab es genug, das weiß ganz Nepal. Der König und die Königin waren vor gut 30 Jahren noch aus politischem Kalkül verheiratet worden, um die rivalisierenden Adelsclans der Shahs und der Ranas zu verflechten. Ihr Sohn Dipendra hielt dagegen nichts von einer arrangierten Ehe. Er sei zwar befreundet gewesen mit der jungen Frau, die seine Eltern als Schwiegertochter akzeptiert hätten, heiraten wollen habe er aber eine andere Freundin, erzählen sich die Leute auf der Straße.

"Aber das ist doch kein Grund für eine solche Tat, das glaube ich nicht", sagt die Studentin Ritu Sharma am Tag nach der Bluttat. Nicht nur das Thema Liebe sorgte jedoch für Streit in der Königsfamilie, auch die Politik bot dafür genug Anlass. Kronprinz Dipendra gefiel die repräsentative Rolle nicht, die sein Vater spielte und die auch auf ihn einmal zukommen würde. Dipendra war dafür, dass der König die Macht nach elf Jahren Demokratie wieder an sich reißen sollte.

Dabei ging es nicht nur um Macht und Einfluss, sondern auch um die grundsätzliche Frage, was das Mehrparteiensystem und freie Wahlen dem extrem armen Nepal bislang gebracht haben. König Birendra hatte nach seiner Thronbesteigung 1972 darauf gesetzt, die Alleinherrschaft zu behalten und Nepal selbst zu entwickeln. Er glaubte, wenn er jedes Jahr einen Monat in jeder Region verbringe und sich die Probleme der Bevölkerung anhöre, könne er am meisten für das Land tun.

Parteien, freie Wahlen und vor allem ein Parlament, das seine Regierung hätte kontrollieren können, ließ er nicht zu. Er behielt das "Panchayat"-System bei, den Fünferrat, den jedes Dorf wählte. Erst immer heftiger werdende Proteste zwangen König Birendra 1990 zum Umdenken. Zunächst ließ er die Demonstrationen niederknüppeln, aber als möglicherweise mehrere hundert Menschen bei einem Protestmarsch umkamen, lenkte er ein.

Seitdem gibt es mehrere Parteien, es hat freie Parlamentswahlen gegeben. Die Regierung wechselte auf demokratische Weise - allerdings ist mittlerweile schon die neunte an der Macht. Viele Menschen sind enttäuscht von den Politikern, die sie für korrupt halten. Die Auseinandersetzungen im Parlament dienten mehr dem Machtkampf als der Diskussion über Problemlösungen, meinen Kritiker.

Nicht nur Kronprinz Dipendra war dafür, dass der König eingreifen solle. Auch der jetzt zum Regenten ernannte Bruder des ermordeten Königs, Gyanendra, gilt als Hardliner. Aber auch hier haben viele dieselben Zweifel wie beim Thema Liebe: Kann das zu einer solchen Tragödie führen, zu einem Massenmord im Königshaus? Dass es so lange keine offizielle Darstellung der Tat gab, trug dazu bei, dass sich Gerüchte ausbreiteten wie Lauffeuer.

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