Welt : Königshaus verklagt: Eine Frage der Erbfolge

Hendrik Bebber

Glanz und Gloria der Thronrede, mit der die Königin das Parlament eröffnete, wurden durch eine beispiellose Zeitungskampagne zur Abschaffung der Monarchie gestört: Der linksliberale "Guardian" macht sich für die britische Republik stark. Er kündigte eine gerichtliche Klage gegen die Krone an. Sie argumentiert, dass die königliche Erbfolge gegen die europäische Konvention der Menschenrechte verstößt, die Großbritannien dieses Jahr unterschrieben hat.

Die schottische Nationalpartei beantragte sofort eine Debatte zu diesem Thema im Unterhaus. Das schottische Regionalparlament in Edinburgh hatte bereits vor einem Jahr das Erbfolgerecht als "diskriminierend" verurteilt und seine Abschaffung gefordert. Das Erbfolgegesetz wurde 1701 verkündet, um die Thronansprüche der katholischen Stuarts zu verhindern. Es bestimmt, dass nur Protestanten herrschen können. Selbst die Ehe mit einem katholischen Partner disqualifiziert für die Thronfolge. Außerehelich geborene und adoptierte Anwärter sind ebenfalls ausgeschlossen. Bei der Thronfolge haben männliche Mitglieder einer Linie den Vorzug vor Frauen - auch wenn diese früher geboren wurden. "Niemand kann wirklich ein Gesetz verteidigen, das Katholiken von der Spitze des Staates ausschließt," argumentiert Alan Rusbringer, der Chefredakteur des "Guardian".

Deutsche Adelige haben Thronanspruch

Eine große Anzeige in der "Süddeutschen Zeitung" fordert deutsche Aristokraten auf, ihre Ansprüche auf die britische Krone gelten zu machen, die sie durch ihre Zugehörigkeit zum katholischen Glauben oder katholischen Partnern verloren haben. Demnach hat fast jedes deutsche Adelshaus eine Chance. Auch Ernst August von Hannover, der durch seine Ehe mit der katholischen Prinzessin Caroline eigentlich disqualifiziert ist, könnte auf Platz 435 in der Erbfolge rücken, wenn der "Guardian" den Prozess gewinnen würde.

In einer Artikelserie namhafter Politologen und Verfassungsexperten will der "Guardian" eine "lange, starke und ernsthafte Diskussion" über die Monarchie entfachen, die nach Ansicht der Zeitung ein teurer Anachronismus ist, der die Zukunft Großbritanniens belastet. Die Kosten des Königshauses werden ebenso kritisiert, wie die königlichen Vorrechte, die dem demokratischen Anspruch der konstitutionellen Monarchie spotten. Freilich ist es bis zur Republik noch ein langer Weg: 53 Prozent befürworten in einer vom "Guardian" in Auftrag gegebenen Umfrage die Monarchie. Allerdings würden sich 60 Prozent lieber als "Bürger" bezeichnen und nicht als "Untertanen".

Der "Guardian" versichert der Königin, dass die Kampagne nicht gegen sie persönlich gerichtet sei: "Wir haben mit der jetzigen Queen außerordentliches Glück, weil sie sich während ihrer Herrschaft durch große Würde und gesunden Menschenverstand auszeichnete. Aber wer kann schon sagen, ob dies auch bei Charles oder später bei William der Fall ist." Vielmehr ginge es um das Prinzip, eine "irrelevante und anachronistische Institution" durch eine zeitgemäße Staatsform zu ersetzen. Der Buckingham Palast reagierte auf den drohenden Sturz der Monarchie mit feiner Ironie: "Wir werden die Debatte mit großem Interesse verfolgen", kommentierte ein Sprecher. Letztes Jahr drohte der Königin schon der Verlust einer ihrer sechzehn Kronen. In einer Volksabstimmung entschieden sich die Australier knapp dafür, an der Monarchie festzuhalten.

Doch in Barbados und Jamaika zeigen sich starke Tendenzen, die Königin durch einen eigenen Präsidenten als Staatsoberhaupt zu ersetzen und wie die karibischen Nachbarn die Republik auszurufen.

Queen auch in Neuseeland umstritten

Die neuseeländische Premierministerin Helen Clark sieht keinen Sinn in einer Königin, die an der anderen Seite des Erdballs residiert. Nur die Kanadier sind glühende Monarchisten, um ihre Identität gegen den amerikanischen Nachbarn abzugrenzen. Freilich hat die französisch sprechende Bevölkerung mit einer "Queen" ebenso wenig am Hut wie die aus Asien eingewanderten Kanadier an der Westküste.

Mit dem Aufruf riskiert der Chefredakteur des "Guardian" , dass er nach Australien deportiert wird. Das verfügte ein Gesetz aus dem Jahre 1848 für solchen "Hochverrat". Dem angedrohten Prozess sieht die Königin getrost entgegen. Zu ihrem Vorrecht gehört, dass ihr alle englischen Topanwälte kostenlos Rechtsbeistand leisten müssen.

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