Welt : Können Sie küssen?: Etikette: Küss die Hand!

In Budapest sage ich heute zu allen Frauen: kezét csokólom, Küss die Hand. Das ist ja vorbei, das komische kommunistische Intermezzo, da haben sich alle geduzt und Servus gesagt und höchstens zur Putzfrau noch Küss die Hand.

Der Handkuss ist eine alte Kavalierssitte. Der Chevalier weiß, dass er stärker ist als die Dame, aber er beweist Demut vor ihr, indem er sich beugt und damit zeigt: Ich bin gar nicht so groß. In Ungarn hat sich diese feudale Sitte stärker gehalten, weil das politische Klima lange beherrscht wurde vom liberalen Adel des 19. Jahrhunderts. Das ist in Polen ähnlich gewesen, bis heute.

Der ungarische Handkuss ist anders als der österreichische. Dort wird die Hand der Dame gehoben, aber der Mund bleibt zehn Zentimeter davor stehen. Bei uns wird richtig geküsst. Bei den Polen auch. Wenn Michnik herkommt, küsst er alle Damen ab.

Ich küsse nicht jeden. Auch wenn der Handkuss demokratisiert ist - in feudalen Zeiten war das immer hierarchisch, von oben nach unten oder von unten nach

oben -, für mich hat er etwas Intimes, ist ein Zeichen von Liebe, von Ehre, von Dankbarkeit. Ich habe die Hand meiner Mutter geküsst und küsse die Hand meiner sechsjährigen Tochter. Und wenn meine Sekretärin in Berlin, an der Akademie, mir etwas abnimmt, eine deadline verschiebt, dann küsse ich ihr die Hand. Ein Kollege dort meint, wenn er das sehen würde, würde er sich totlachen. Bei mir hat sich noch keine Dame totgelacht, auch im Westen nicht. Heute erschrecken die Frauen ja auch nicht mehr, wenn ein Mann ihnen die Tür aufhält.

Der Kuss ins Gesicht zur Begrüßung, der jetzt als westliche Mode zu uns kommt, der ist mir zu nah, zu konfident. Ich finde das schön, die verschiedenen Erbschaften unserer Kulturen. Wir sollten ihn pflegen, den Garten unserer Unterschiede.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben