Welt : Körperkult und Subkultur

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Hamburg/Leipzig (roos/dpa). Das Wetter spielte nicht überall mit, trotzdem strömten über Pfingsten Hunderttausende zu den zahlreichen Open-Air-Konzerten und -Festivals und Techno- und Turner-Paraden. Dröhnende Bässe, schrille Kostüme und reichlich nackte Haut – 200 000 Techno-Fans feierten beim achten Generation-Move am Samstag in Hamburg eine riesige bunte Straßenparty.

Ausgerüstet mit Trillerpfeifen und Blütenketten eroberten die Raver die Innenstadt und machten sie für einen Tag zu einem gigantischen Club.  Stunde um Stunde zogen die Besucher unermüdlich tanzend hinter den 22 geschmückten Partymobilen her.

Bestückt mit gewaltigen Soundanlagen, Nebelmaschinen und meist doppelstöckigen Tanzflächen bot der Zug der Musiktrucks ein ebenso lautes wie buntes Spektakel. Mit Einbruch der Dunkelheit flammten die Lichtanlagen auf den Trucks auf.  An den Plattentellern schwitzten Discjockey-Größen wie Gary D, DJ Yanny und das Rave Attack DJ Team und übertrafen sich gegenseitig darin, die Partylaune der Raver mit stampfenden Beats anzuheizen.

  Bei Deutschlands größtem Rockfestival „Rock am Ring“ am Nürburgring haben der Neo-Funk-Star Jamiroquai und das Trio Muse Zehntausende Fans zum Toben gebracht. Etwas weniger dicht drängten sich in der Nacht auf Pfingstsonntag die überwiegend jungen Besucher beim Auftritt des Rock-Giganten Neil Young in der Eifel. Zugleich umjubelten Zehntausende Fans beim Parallelfestival „Rock im Park“ in Nürnberg die Woodstock-Legende Carlos Santana und Lenny Kravitz. Beide waren am Freitag bereits auf der Rennstrecke Nürburgring in der Eifel aufgetreten.

Die Polizei meldete keine größeren Zwischenfälle. Die Veranstalter gaben die Zahl der Besucher mit rund 50 000 bei „Rock am Ring“ und 40 000 rund um das Nürnberger Frankenstadion an. Das waren deutlich weniger als im vergangenen Jahr. An beiden Orten traten weitgehend dieselben rund 100 Bands zeitversetzt auf jeweils vier Bühnen bis zum Pfingstsonntag auf.

Der Veranstalter Marek Lieberberg begründete den Besucherrückgang bei dem traditionsreichen dreitägigen Doppelfestival mit der Konjunkturflaute, der Arbeitslosigkeit und der „Euro-Teuerungswelle“. An der hohen Qualität des Musikspektakels habe sich nichts geändert.

Nach der hochsommerlichen Hitze am Freitag mussten die Fans am Pfingstsamstag in der Eifel zeitweise heftige Regenschauer ertragen. Kurze Hosen und Bikini-Oberteile tauschten sie gegen dicke Pullis und Regenjacken. Beim Auftritt von Jamiroquai machten die Wolken der roten Abendsonne Platz und boten seinen Tanzflächen-Klassikern einen romantischen Hintergrund. In Nürnberg setzte der Regen erst in der Nacht auf Sonntag ein. Aber auch hier waren die Temperaturen deutlich gefallen.

Es ist eine Begegnung der dritten Art, die sich auf dem Platz vor der Leipziger Nikolaikirche ereignet. Hier: Die Frauengymnastikgruppe des TV St. Pauli, die am Deutschen Turnfest teilnimmt. Dort: Ein verrücktes Paar, völlig schwarz gekleidet, das beim so genannten Wave-Gotik-Treffen am Start ist. Die Blicke wandern hin und her, ein paar Sekunden lang. So etwas haben sie noch nie gesehen. Alle miteinander. Das Paar sieht eine Gruppe älterer Damen im Einheitslook, alle tragen die gleichen bunten Trainingsanzüge, um die Hälse baumeln die eingeschweißten Teilnehmerausweise an einer weißen Schnur. Die Frauen aus Hamburg starren zurück. Ungläubig. Sie sehen schwarz. Die gotische Frau trägt Tüll, Lack und Leder, hat sich das Gesicht blass geschminkt, ist tätowiert. Der gotische Mann trägt einen bodenlangen Umhang, hat sich eine Spinnwebe auf die gepiercte Wange gemalt. Was das alles bedeutet? Die sportiven Seniorinnen wissen es nicht, das kann man in ihren Augen ablesen. Und die beiden Schwarzen tun so, als ob sie alles nichts anginge.

Körperkultur trifft Subkultur. Ein Kulturschock? Nicht unbedingt. Aber es ist mit einiger Sicherheit das verrückteste Pfingstwochenende, das Leipzig seit der Wende gesehen hat. Diese Menschenmassen. Fast 100000 sind zum Turnfest angereist, 15000 sind es beim Wave-Gotik-Treffen. Dazu noch ein paar der 495000 Leipziger Einwohner. Ein buntes Menschenmeer, schwarz gesprenkelt. Und eine Menge Fragen. „Seit 1953 bin ich bei jedem Turnfest gewesen", sagt Carin Hüsing vom TV St. Pauli, „aber so etwas habe ich noch nie erlebt." Zum ersten Mal sind es nicht die Turnschwestern und Turnbrüder, die in einer Turnfeststadt bestaunt werden. Zum ersten Mal müssen sie selber staunen. Abschreckend sind aber nur das martialische Auftreten der Gruftis, die düstere Musik und der Totenkult.

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