Welt : Kohl in Istanbul: Eine türkische Schwiegertochter

Susanne Güsten

Als Helmut Kohl seine Auslandsreisen noch als Bundeskanzler machte, gehörten ein großer Begleit-Tross, roter Teppich und Nationalhymnen bei der Ankunft im Gastland zum Standardprogramm. Doch diese Zeiten sind vorbei; heutzutage schreitet Kohl nach der Ankunft keine Ehrenformationen mehr ab, sondern taucht lieber unter. Unter strengster Geheimhaltung schmuggelte sich der Altkanzler am Wochenende in die Türkei, um in Istanbul an der Verlobung seines Sohnes Peter teilzunehmen.

Ein Sprecher Kohls bestätigte gestern dem Tagesspiegel, dass Kohl in einer privaten Angelegenheit nach Istanbul geflogen sei. Kohl, der mit seinem ältesten Sohn Walter nach Istanbul kam, harrte an einem unbekannten Ort in der Zwölf-Millionen-Stadt aus, um dem Vernehmen nach an diesem Montag bei einer Zeremonie im engen Kreis die türkische Industriellen-Familie Sözen offiziell um die Hand ihrer Tochter Elif für seinen zweiten Sohn Peter zu bitten.

Der 35-jährige Volkswirt Peter Kohl und die drei Jahre jüngere Elif Sözen leben schon seit Jahren in London zusammen. Begegnet waren sie sich 1989 beim Studium am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston in den USA. Später zogen sie gemeinsam nach Großbritannien. Im Laufe der Jahre lernte Peter Kohl von seiner Braut in spe sogar Türkisch, registrierten türkische Medien am Wochenende mit deutlicher Bewunderung. "Jetzt wird Elif ganz offiziell die Schwiegertochter Kohls", freute sich die auflagenstärkste Zeitung der Türkei, "Hürriyet".

Peter Kohl und Elif Sözen werden schon seit Jahren Heiratsabsichten nachgesagt, aus denen bisher aber nichts geworden ist. "Die Hochzeit ist nah", jubelte die türkische Presse schon vor zwei Jahren. Damals berichteten die Zeitungen sogar über Details der angeblich bevorstehenden Feierlichkeiten in Deutschland und der Türkei - doch es gab keine Hochzeit. Möglicherweise hing das damit zusammen, dass eine Eheschließung während der Amtszeit Kohls wegen der damals gespannten deutsch-türkischen Beziehungen eine diplomatisch zu delikate Angelegenheit gewesen wäre.

Schließlich galt und gilt Kohl in der Türkei als der Staatsmann, der jahrelang die Annäherung des Landes an die EU blockierte; die türkische EU-Bewerbung soll der frühere Kanzler mit dem Argument abgelehnt haben, das moslemische Land gehöre nun einmal nicht zu Europa. Die Hochzeit eines Kanzler-Sohnes mit einer Türkin hätte ungewollt als politische Geste aufgefasst werden können; zudem hatten wohl alle Beteiligten kein Interesse an dem zu erwartenden Medieninteresse an dieser deutsch-türkischen Verbindung.

Doch inzwischen haben sich die Dinge geändert. Kohl ist nicht mehr Kanzler und taucht auch in den türkischen Medien nicht mehr so häufig auf wie früher. Selbst das öffentliche Interesse am Spendenskandal um den Ex-Regierungschef hielt sich in der Türkei in Grenzen. Anlässlich seines jetzigen Türkei-Besuchs wurde Kohl in der türkischen Presse am Sonntag als Politiker gewürdigt, der die deutsche Einheit ermöglichte - und als Vater, der trotz des Drucks in der Spendenaffäre darauf bestand, bei der Verlobung seines Sohnes dabei zu sein.

Die Familien Kohl und Sözen kennen sich schon seit längerem. Kemal Sözen, der künftige Schwiegervater von Peter Kohl, ist Geschäftsführer des Metallunternehmens Kalekalip, das zum Imperium des Großindustriellen Ibrahim Bodur gehört. Kalekalip ist unter anderem im Rüstungsbereich tätig, beschäftigt 330 Mitarbeiter und hat Fabriken in Istanbul, im westtürkischen Canakkale und in der Ukraine. Im Istanbuler Haus der Sözens soll jetzt Verlobung gefeiert werden; wann die Hochzeit stattfinden soll, ist noch unklar. "Hürriyet" meldete unter Berufung auf die Umgebung beider Familien, ins Auge gefasst werde der kommende April: Dann werde Walter Kohl, der um zwei Jahre ältere Bruder Peters, heiraten - und Peter und Elif wollten sich anschließen.

Während sich die türkische Presse Gedanken um die Zukunft der Familien Kohl und Sözen machte, tat Helmut Kohl alles, um in Istanbul trotz seiner Prominenz unerkannt zu bleiben. "Helmut Kohl ist in Istanbul - aber wo er sich aufhält, ist nicht bekannt", berichtete der türkische Ableger des US-Nachrichtensenders CNN am Sonntagnachmittag ratlos. Selbst deutsche Diplomaten in der Türkei waren über die Anwesenheit des Ex-Kanzlers in der türkischen Metropole nicht informiert. Kohl ist bekannt dafür, dass er seine Privatangelegenheiten eifersüchtig gegen die Neugier der Medien abschirmt; selbst Fotos seiner Söhne sind rar. Peter Kohl selbst geriet bisher nur einmal in die Schlagzeilen, als er 1991 bei einem Autounfall in Italien schwer verletzt wurde. Seitdem tauchte er kaum noch in Zeitungen auf.

Folgerichtig geriet Reise von Kohl senior in die Türkei jetzt zur Geheimen Kommandosache. Deutsch-türkische Beziehungen sind für den Altkanzler offenbar immer noch ein sehr sensibles Thema.

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