Welt : Koka statt Schulmilch?

Boliviens Außenminister provoziert Öffentlichkeit

Inga Rahmsdorf,Juliane Schoenherr

Bei der Schulspeisung in Bolivien hätten Kinder beinahe ihre Milch gegen Koka- blätter eintauschen sollen. Das zumindest hatte der bolivianische Außenminister David Choquehuanca kürzlich vorgeschlagen. „Beim Kauen von Kokablättern nehmen die Kinder weit mehr Kalzium auf als mit der Milch“, erklärte er und berief sich dabei auf eine Studie von Jorge Hurtado, der 1975 an der Harvard-Universität den Nährwertgehalt der Kokapflanze untersucht hatte. Danach haben Kokablätter einen hohen Gehalt an Kalzium, Phosphor und Eisen sowie Vitamin A und Vitamin B2. Die Pflanze sei deshalb keine Droge und müsse als ergänzendes Lebensmittel anerkannt werden, sagt der Außenminister. Der größte Gegner der kokafreundlichen Politik von Präsident Morales sind die USA. Morales hatte US-Präsident Bush und seine Außenministerin Rice wiederholt öffentlich provoziert. Die USA investieren seit Jahren Millionen Dollar in die Ausrottung der Pflanze, weil sie in ihr vor allem den Rohstoff für die Herstellung von Kokain sehen. Offiziell ist der Kokaanbau für diese Zwecke in Bolivien zwar verboten. Tatsächlich ist der Markt für die Kokainproduktion aber wesentlich größer als der für legalen Kokaanbau. Morales hat indes versprochen, entschieden gegen den illegalen Drogenanbau vorzugehen, jedoch ohne dabei die Kokapflanze auszurotten.

Auch Heino Stöver vom Bremer Institut für Drogenforschung hält es für falsch, den in Südamerika weit verbreiteten Kokakonsum zu verteufeln. „Man darf die traditionelle Heilpflanze nicht mit dem industriell hergestellten Kokain gleichsetzen. Kokablätter steigern ähnlich wie Kaffee die Leistungsfähigkeit. Für die Bauern in den Hochregionen der Anden ist Koka wichtig, weil es die Sauerstoffaufnahme im Blut verbessert.“ Außerdem wirke es schmerzlindernd und Hunger dämpfend, sagt Stöver.

Der bolivianische Präsident Evo Morales fördert den legalen Kokaanbau derzeit mit einer politischen Kampagne. Er will jenen Bauern, die wirtschaftlich auf den Anbau von Kokapflanzen angewiesen sind, eine Alternative zur illegalen Drogenwirtschaft der Kokainkartelle bieten. Koka soll verstärkt in der Lebensmittelindustrie, zum Beispiel als Tee, verwendet werden. Die Kultivierung von Kokapflanzen für kulturelle und medizinische Zwecke ist in Bolivien erlaubt und wird staatlich überwacht. Morales hat die Uno deshalb aufgefordert, Koka von der Liste der gefährlichen Substanzen zu nehmen.

Dass Kinder in Bolivien bald Kokablätter kauend auf der Schulbank sitzen, ist jedoch unwahrscheinlich. „Ich bin überzeugt, dass es weiterhin Milch und keine Kokablätter in den Schulen geben wird“, sagte Maria Mendoza Bilbao von der bolivianischen Botschaft in Berlin. Die Empfehlung des Außenministers „Koka statt Milch“ stieß vor allem bei bolivianischen Politikern auf harsche Kritik. So sagte die Gesundheitsministerin Nila Heredia, jeder wisse, dass Kokablätter traditionell erst ab dem 15. Lebensjahr gekaut würden. Schulkinder seien zu jung dafür. Vertreter der bolivianischen Milchindustrie zeigten sich erleichtert darüber, dass die Schulspeisung nicht umgestellt wird.

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