Welt : Kollision am Weinberg

Ein ICE ist in Südbaden gegen einen Traktor gefahren und entgleist. Wie durch ein Wunder prallte er nicht frontal gegen einen anderen Zug

Thomas Mink[Efringen-Kirchen]

Von Thomas Mink,

Efringen-Kirchen

Nur mit viel Glück sind etwa 100 Reisende des ICE 600 „Krefeld“ am Donnerstagmorgen einer Katastrophe entgangen. Der Zug prallte auf der Oberrheinstrecke zwischen Basel und Freiburg gegen 9 Uhr 30 Uhr auf einen Traktor, der auf die Gleise gestürzt war. Während sich der Traktorfahrer schwer verletzt hat, wurden im Zug, der mit rund 80 Stundenkilometern Geschwindigkeit fuhr, nur wenige Fahrgäste leicht verletzt.

Das Unglück ereignete sich direkt oberhalb des Dorfes Istein, einem Teilort von Efringen-Kirchen im Markgräflerland. Ein landwirtschaftlicher Mitarbeiter – es war eine Aushilfe, die sich in dem Gelände nicht sehr gut auskannte – war am steilen Hang oberhalb der Zugstrecke mit seinem Traktor damit beschäftigt gewesen, Weinreben zu pflegen, als er mit seinem Fahrzeug aus bislang ungeklärter Ursache das Gleichgewicht verlor und einen etwa 15 Meter hohen Felsabhang auf die Gleise hinabstürzte.

Den Abhang hinabgestürzt

Dem schwer verletzten Traktorfahrer gelang es noch, sich in Sicherheit zu bringen, während sein Fahrzeug unmittelbar am Ausgang des Kirchbergtunnels direkt auf den Gleisen liegen blieb. Der nur Minuten später herannahende ICE 600, der nach Norden in Richtung Freiburg unterwegs war, stieß mit großer Wucht mit dem Traktor zusammen. Ein Augenzeuge und ein Bundesgrenzschutz-Beamter, der sich im Zug befand, lösten Alarm aus, so dass die Strecke sofort gesperrt wurde. Bei dem Aufprall ist das erste Drehgestell des ICE-Triebkopfes mit zwei Achsen entgleist. Dabei kam der ICE nach links von seiner Spur ab in Richtung des parallel verlaufenden zweiten Gleises und streifte gerade noch den hinteren Triebkopf des gleichzeitig entgegenkommenden ICE 271, der nach Basel unterwegs war.

Dort wurde der Zusammenstoß offenbar nicht bemerkt, der Zug setzte seine Fahrt ohne Unterbrechung fort. Wäre der Gegenzug nur wenig später an der Unfallstelle vorbeigefahren, wäre es möglicherweise zu einem fatalen Frontalzusammenstoß gekommen.

Auch der Umstand, dass wegen der kurvigen Streckenführung in diesem Abschnitt Züge nicht schneller als 80 Stundenkilometer fahren können, hat wohl Schlimmeres verhindert.

Die meisten Passagiere bekamen von dem Unglück offenbar wenig mit. „Wir sind durch den Tunnel gefahren, dann ging ein Ruck durch den ICE, und kurze Zeit später ist der Zug gestanden“, erzählt der Geschäftsreisende Thomas Mutter. Sofort sei draußen Qualm aufgestiegen, erzählt er, vermutlich vom verdampfenden Dieselöl des Traktors, der durch den Aufprall des Zuges in mehrere Teile zerrissen wurde. Als Thomas Mutter aus dem Fenster schaute, sah er den verletzten Traktorfahrer im Gebüsch liegen. „Dann ging es zwei Minuten, und dann war auch schon die Feuerwehr da“, erzählt er. Die Reisenden im Zug sind Augenzeugen zufolge ruhig geblieben, ernsthafte Verletzungen gab es keine, von wenigen kleinen Schürfungen und Prellungen abgesehen.

Die 33-jährige Chemikerin Anna Stratner aus dem schweizerischen Fribourg, die nach Bonn reisen wollte, sagte: „Eigentlich habe ich gar nichts gemerkt. Erst hat es gestunken, dann gab es einen kleinen Ruck und der Zug stand. Es war eine weiche Bremsung.“ Auch eine 29-jährige Marketingleiterin aus Basel sagte: „Ich habe praktisch gar nichts gemerkt, bis der Zug stand. Dass es einen Zusammenstoß gab, habe ich erst über die Lautsprecherdurchsage im Zug erfahren.“ Die Oberrheinstrecke war bis in den Nachmittag hinein in beiden Richtungen gesperrt. Nicht nur der entgleiste Triebkopf musste in die Spur zurückgewuchtet werden, auch zwei Masten der Oberleitung waren beim Unfall beschädigt worden. Im Fern- und Nahverkehr kam es zu erheblichen Behinderungen und Verspätungen. Fernreisende zwischen Basel und Freiburg mussten in Nahverkehrszüge umsteigen.

In der Nähe des Unglücksortes ist am 21. Juli 1971 ein „Schweiz-Express“ entgleist. Damals starben 22 Menschen. Sechs Wagen und die Lokomotive stürzten bei Rheinweiler einen Abhang hinunter. Der D-Zug war mit überhöhter Geschwindigleit in eine scharfe Rechtskurve gefahren.

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