Kolumne: Die halbe Wahrheit : Das Wikipedia-Orakel

Der Durchschnittseuropäer hat ein gespaltenes Verhältnis zu dem Monat, der bald anbricht.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Der Durchschnittseuropäer hat ein gespaltenes Verhältnis zu dem Monat, der bald anbricht – der April hat ein noch viel schwereres Schicksal als der November, der ja wenigstens aus Leibeskräften gehasst wird, während weite Teile der Bevölkerung überhaupt keine Meinung zum April haben. Er ist eben der Anarcho-Monat: Der macht, was er will.

Ihn, seine Schneestürme aus heiterem Himmel und die langen Ostertage gilt es geduldig zu durchleiden, bis endlich die Bäume wieder zurückschlagen. Vollkommen unlogisch, dass sich ausgerechnet das Adjektiv „aprilfrisch“ im Zusammenhang mit Weichspüler etabliert hat.

Sogar sein Start entbehrt nicht einer gewissen Komik: Die Tradition will, dass jeder jeden hinters Licht führt. Aber weil zum Aprilscherz die Generalamnestie gleich mitgeliefert wird, ist die Fallhöhe eines klassischen Aprilscherzes etwa so hoch wie ein Maulwurfshügel.
Eine von vielen Erklärungen für den plötzlichen Humorausbruch geht so: Früher wurden Lehrlinge zum 1. April eingestellt und an ihrem ersten Arbeitstag in der neuen Firma traditionell gefoppt. Der unbedarfte Lehrling wurde also in eine andere Abteilung geschickt, um dort den „Lufthaken“, einen „Rasterpunktehammer“, eine „Eisschere“ oder die „Tankinnenbeleuchtung“ abzuholen – Sitten und Gebräuche aus einer längst versunkenen Zeit der monogamen Erwerbsbiografien.

Trotzdem fürchte ich mich ein bisschen vor dem 1. April. Aber nicht, weil mich jemand feixend an der Nase herumführen könnte, sondern weil ausgerechnet dann wieder Bob Dylan in der Stadt ist. Ich habe bereits vor langer Zeit Karten gekauft. Ich hatte auch schon für den 3.  Mai 2007 und den 25.  Oktober 2005 Karten, aber es kam immer was dazwischen. (2007 musste ich plötzlich nach Island, und 2005 lag ich mit einer schmerzhaften Seitenstrang-Angina im Bett.) Bob Dylan und ich, wir finden einfach nicht zueinander.
Meine Freundin sagt, ich solle mir mal lieber ernsthaft Gedanken über meine Vorliebe für Gitarrengreise machen. Sie nennt das den Ekaterina-Effekt – so der Name der blutjungen blonden Russin, die neuerdings mit Ron Wood von den Stones zusammen ist. Auf Fotos sehen Ekaterina udn er aus wie Leben und Tod, wie die Schöne und das Biest, wie Lyzeum und Museum. Ron Wood – ein Nosferatu, der Ekaterina Frische und Energie raubt. Die These meiner Freundin lautet: Frauen, die für Gitarrengreise schwärmen, fürchten sich vor dem Alterungsprozess, spüren jedoch gleichzeitig eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Alter.

Ich finde aber, dass meine Freundin sich keine Sorgen machen muss. Auch diesmal wird mich sicher eine höhere Macht davon abhalten, am 1.  April pünktlich in der Max-Schmeling-Halle zu erscheinen, um den Weisen des zotteligen Mundharmonikamillionärs zu lauschen. Ein Eissturm oder eine Blinddarmentzündung oder irgendein dummer Aprilscherz.

Jetzt sagt meine Freundin, ich sei noch viel zu wenig abergläubisch. Sie habe ein neues, lustiges Orakel entdeckt. Es hieße: „Bei Wikipedia nachschlagen, welche Berühmtheiten an einem bestimmten Tag Geburtstag haben und daraus Schlüsse für die Zukunft ziehen.“

Ich bin sofort Feuer und Flamme und hacke mich mit meinem Computer in das langsamste Nachbarschafts-WLAN der Welt. Zeile für Zeile materialisiert sich die Internetseite auf dem Bildschirm. Am 1. April haben Geburtstag: Otto von Bismarck, Edgar Wallace, O.  W. Fischer, Rolf Hochhuth, Ingrid Steeger, Jimmy Cliff, Stefanie Tücking und Method Man.

„Ganz klar“, sagt meine Freundin im Brustton der Überzeugung, „das ist ein echt gutes Zeichen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar