Kolumne: Dr. WEWETZER : Leben ohne Anfälle

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Chirurgie hilft gegen Epilepsie.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Einen epileptischen Anfall kann jeder bekommen. Jedes Gehirn kann durch bestimmte Umstände – etwa Verletzungen, Infektionen, Medikamente, Drogen, Tumoren – zu einem Anfall provoziert werden. Bei einem solchen epileptischen Anfall kommt es zu heftigen gleichzeitigen elektrischen Entladungen von Abertausenden oder sogar Millionen von Nervenzellen. Es ist, als wenn sich eine ansonsten friedlich gekräuselte Meeresoberfläche in einen wogenden Taifun verwandelt. Je nachdem, welches Hirnareal betroffen ist, kommt es zum Beispiel zu Missempfindungen, unwillkürlichen Bewegungen und rhythmischen Muskelzucken bis hin zum Bewusstseinsverlust bei einem großen Anfall.

Etwa 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung leiden an Epilepsie. Obwohl die Krankheit gut erforscht ist, ist sie noch immer mit einem Tabu behaftet und wird oft als persönlicher Makel empfunden. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass viele Patienten zögern, wenn es darum geht, sich operieren zu lassen.

Eine Operation kommt für einen Teil jener Anfallskranken infrage, bei denen man mit Medikamenten das Leiden nicht in den Griff bekommt. Das Prinzip des Eingriffs: Der elektrische Störherd wird entfernt. Klingt einfach, kann aber ganz schön knifflig sein. Denn zunächst muss mit elektrischen „Antennen“ genau geortet werden, wo im Gehirn sich der „Brandherd“ befindet. Und natürlich dürfen beim Herausschneiden keine wichtigen Hirnareale wie das Sprach- oder Sehzentrum in Mitleidenschaft gezogen werden.

Gelingt die Operation, ist die Epilepsie geheilt. Englische Mediziner haben nun im Fachblatt „Lancet“ Langzeitergebnisse vorgelegt. Danach sind nach fünf Jahren 52 und nach zehn Jahren noch 47 Prozent der Patienten anfallsfrei. Jeder zweite ist also auf Dauer kuriert.

Der Neurologe Martin Holtkamp vom Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, Leiter des Epilepsie-Zentrums Berlin-Brandenburg, bestätigt diese Zahlen. „Die meisten Operationen erfolgen wegen einer Epilepsie im Schläfenlappen“, sagt Holtkamp. „In diesen Fällen liegt die Erfolgsrate sogar bei 80 Prozent.“ Natürlich berge der Eingriff auch Risiken wie Blutung oder Infektion, aber „die Anfälle sind gefährlicher als die Operation“. Vor allem, wenn sie sich beim Schwimmen, in der Badewanne oder am Steuer ereignen. Nicht selten erleben Patienten eine Existenz ohne Krampfanfälle wie ein neues Leben.

Falls Sie Erste Hilfe bei einem Menschen leisten, der einen epileptischen Anfall erleidet, noch ein wichtiger Hinweis: Betten Sie den Kopf weich oder halten sie ihn sanft fest, um ihn vor Verletzungen zu schützen. Der Anfall ist meist nach gut einer Minute vorbei. Auf keinen Fall sollten Sie versuchen, dem Betreffenden etwas als „Beißholz“ in den Mund zu schieben, um einen vermeintlichen Zungenbiss zu vermeiden. Noch kein Epilepsiekranker hat sich die Zunge abgebissen. Wohl aber beinah den Finger eines wohlmeinenden, doch schlecht informierten Helfers.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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