• Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart: Auf Augenhöhe mit Pauschaltouristen

Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Auf Augenhöhe mit Pauschaltouristen

Lanzarote, letzte Woche Sonntag: „OH, DU NATUR, DU ERDE, DU GROSSE MACHT …“, schreibt der Kommentator der „Bild“, die einzige Zeitung, die es hier noch gibt.

von
Rinke
Moritz Rinke. Der Dramatiker ist Stürmer der Schriftsteller-Nationalmannschaft.Foto: Frank Zauritz/laif

In dem Hotel, aus dem ich gestern hätte abreisen sollen, klingen die Gespräche aber nicht nach „Oh, du Natur, du Erde …“. „Was!“, schreit ein Urlauber die Frau an der Rezeption an: „NECKERMANN ZAHLT NICHT? WAS KANN ICH FÜR DIESE SCHEISS-ASCHE?!“ Er ist außer sich, weil er ab jetzt selbst bezahlen soll. Ein anderer, der bei Thomas Cook gebucht hat und auch zahlen soll, weil Cook und Neckermann angeblich dasselbe ist, schreit dazwischen: „ICH ZAHLE NICHT, DANN MÜSSEN SIE NECKERMANN DRAUFSCHREIBEN, HIER STEHT ABER COOK!“ – „UND WAS IST MIT TUI?“, brüllt ein Bayer, der einen Ordner mit seinem Buchungsvorgang auf die Rezeption knallt. Eine Frau läuft in der Lobby umher: „Eyjafjallajökull! Eyjafjallajökull!“, was aus ihrem Mund klingt wie Ikea-Möbel.

Am Nachmittag steige ich in den Krater des Vulkans Monte Corona, der angeblich erloschen ist, aber wer weiß das schon. Ich setze mich auf einen Lavastein mit meinem Terminkalender. Die Lesung morgen in München werde ich nicht schaffen, bei Air Berlin geht nicht mal jemand ans Telefon. Ich rufe meinen Verlag an und frage, ob wir auch schon die Lesung am Dienstag in Augsburg absagen müssen.

„Das liegt am Wind. Wenn Dienstag Nordwestwind kommt, dann kommt eine neue Wolke.“

War mein Leben schon mal vom Wind und von Vulkanwolken abhängig? Wie schön eigentlich, denke ich, meine letzten Lesungen, die ausfielen, waren für den September 2001 geplant, da saß ich in Los Angeles fest, aber damals waren es Terroristen und George W. Bush, jetzt ist es ein Vulkan und der Wind, viel besser. Steinmeier von der SPD schreibt eine SMS: „Sitze im Hubschrauber nach Krakau und lese deinen Roman.“ Irre, denke ich, sitze hier in einem Vulkan auf Lanzarote und kann wegen einem Vulkan auf Island nicht in München lesen, aber mein Roman fliegt gerade zur Trauerfeier nach Polen!

Am Montagmorgen herrscht zwischen Hotelrezeption und Pauschalurlaubern Krieg, nur die Neckermann-Touristen grinsen, die bekommen ihr Geld zurück, was die Rezeption so beschäftigt, dass die anderen Touristen ausrasten, weil sie Informationen über ihre Rückflüge haben wollen, die es nicht gibt, weder Informationen noch Flüge.

Im Fernsehen wird berichtet, dass es in Deutschland auch bald keine Rosen mehr gibt, die verwelken jetzt in Kenia und in der Türkei. Auch irre! Da bricht ein Vulkan in Island aus und dann gibt es keine Rosen mehr in Deutschland, keinen Fisch, kein Fleisch, nur täglich eine Milliarde Euro Schaden.

Ich fahre ins Timanfaya-Gebiet, wo es brodelnde Magma-Reste gibt. Einheimische braten Hühnchen über Erdlöchern. Ich stecke meine Hand in die Vulkanasche und denke: Morgen in Augsburg? „Also, diese Asche … Augsburg, das wird nichts“, teile ich dem Verlag mit. „Höchstens Worms am Mittwoch!“ – „Wir warten jetzt, was Oberpaffenhofen meldet, da startet ein Forschungsflugzeug. Danach entscheidet Ramsauer!“ – „Auf Ramsauer verlasse ich mich aber nicht, dem sitzt doch Neckermann im Nacken, Cook, das Fleisch, die Blumen, alles!“, sage ich. „Wir können Worms absagen! Hannover. Budapest. Warum soll nicht die Natur entscheiden? Ich bleibe hier!“ Danach stecke ich mir noch eine Hand Asche in die Tasche.

PS: Im Übrigen bin ich nun auch der Meinung, dass es das Globale ist, nicht die Vulkane, was uns letzten Endes ruiniert.

Hier schreiben abwechselnd Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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