• Kolumne "Tücken der Woche": Was Friedrich Küppersbusch zu Autogrammen aus dem Bellevue einfällt

Kolumne "Tücken der Woche" : Was Friedrich Küppersbusch zu Autogrammen aus dem Bellevue einfällt

Über die Tücken der Woche schreibt auch in dieser Woche Friedrich Küppersbusch im Tagesspiegel. Diesmal kommentiert der Autor, Moderator und Freigeist den köhlernden Gauck, verbayerte Deutsche und Dortmunder Holländer.

Friedrich Küppersbusch
Friedrich Küppersbusch
Friedrich KüppersbuschFoto: dpa

Ostdeutsche Pfarrer kritisieren den ostdeutschen Pfarrer Joachim Gauck, der die ostdeutsche Pfarrerstochter Angela Merkel kritisiert. Da ist ja wieder richtig was los bei Evangelens. Was sagt man dazu ?
Für die Kinoverfilmung der aktuellen Bundespräsidentschaft kann man an die Comedy-Serie „Die nackte Kanone“ anknüpfen. „Superjockel – die lose Kanone“ wäre hübsch. Glaubensbrüder aus dem Osten werfen Gauck in einem offenen Brief vor, aus dem pazifistischen Konsens von 1989 ausgetreten zu sein. Er habe sich zu DDR-Zeiten „nie gerade gemacht“ und sei, schöner Untertitel, ein „last minute dissident“ gewesen. Damit man ihn trotzdem nicht mit Merkel verwechselt, droht er seinerseits, ihr Diätenerhöhungsprojekt einzukassieren.

Da köhlert Gauck ordentlich los: Sein Vorvorgänger hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gleich zweimal das Autogramm verweigert. Hat er denn recht?
Mehr als ihm recht sein kann! Das Bundesverfassungsgericht hatte 1975 die Abgeordneten verdonnert, „vor den Augen der Öffentlichkeit“ zuzugreifen. Eine automatische Erhöhung oder Kopplung sei nicht zulässig. Woraufhin nun ein Gesetz vorliegt, mit dem man hinter dem Rücken der Öffentlichkeit alle vier Jahre die Diäten automatisch an die Gehälter der Bundesrichter koppelt. Ein bisschen so, als schaffe man die Todesstrafe ab, indem man alle ihre Befürworter erschießt. Gaucks Risiko – er legt sich mit der ganz großen Koalition an und muss befürchten, dass er gewinnt. Dafür könnte er von ein paar Hinterbänklern schlimm verhindenburgert werden.
Das wäre doch mal etwas anderes als diese ewigen Nazi-Vergleiche. Diese Woche traten SPD-Oppermann und Linken-Müller zum Thema „widerlicher Kriegshetzer“ an. Wer hitlert wen ?
Der Nazivergleich steht in Deutschland da, wo in Frankreich Kot und in Amerika Sex herhalten müssen. Ich persönlich respektiere Sex und guten Stuhlgang und fühle mich insoweit durchaus zu Hause hier. Von jähen Spitzenleistungen wie Kohls Tiefenmeditation über Gorbatschow und Goebbels hat sich die deutsche Lieblingsinjurie nach unten durchgeekelt. Solche Erfolgsgeschichten enden normalerweise mit einer Chance im Rahmenprogramm Olympischer Spiele, „extreme indoor nazicomparing“ etwa. Noch leben ein paar wahrhaftige Nazi-Opfer, die man damit demütigt.

Am Ende wird Gaucks Präsidentschaft also ein Riesenerfolg – für Merkel. Sie hat es geschafft, gleichzeitig für und gegen ihn zu sein, und kann noch einen vierten oder fünften verschleißen. Wenn sie nicht selbst hinschmeißt. Warum taucht dies Gerücht diese Woche wieder auf ?
Langeweile? Nikolas Blome lancierte das Gerücht noch bei „Bild“, Uli Jörges trat ihm im „Stern“ bei, und ich schreibe es hiermit auch. Damit ich später nachweisen kann, es vorher gewusst zu haben. Sonst Schwamm drüber. Diese Woche tuschelt der „Cicero“ von der saarländischen Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer als aktueller Kronprinzessin. Wäre ich Merkelist, würde ich auch ein Gerücht in Umlauf bringen, das bei den meisten Parteifreunden schlagartig die „dann-doch-lieber-weiter-Merkel“-Solidarität befeuerte. Der späte Kohl protegierte eine Zeit lang Schäuble – wissend, dass der zu loyal zum Putschen ist.

Dann bleibt alles beim alten. Oder beim Alten. Oder?
Bei Löw, ja. Der Ex-Bayer Louis van Gaal lässt seine Holländer einen ordentlichen BVB-Stiefel spielen, während die deutsche Elf zusehends verbayert. Gegen Ghana waren schon ein paar historisch wertvolle Erich-Ribbeck-Gedenk-Querpässe zu sehen, und nach der Vorrunde sinkt die Risikobereitschaft mit jedem K.o.-Spiel. Oranje boven!

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