Koma-Patientin : Kampf um Eluana

Der Fall der 37-jährigen Koma-Patientin Eluana teilt Italien – und hat eine Verfassungskrise ausgelöst. Die Frau liegt seit 17 Jahren im Koma.

Andrea Dernbach

Der Sturm, der seit Wochen über dem Vatikan tobt, tut dies zwar mitten in Rom. Aber wie das so ist im Auge des Taifuns: Dort ist es ganz still. In Italien ist die Debatte um die erzkonservative Piusbruderschaft, ihren holocaustleugnenden Bischof und den Papst nur ein Randthema. Das Land ist in diesen Wochen vollauf mit einem anderen Fall beschäftigt. Und darin spielt der Vatikan ebenfalls eine Hauptrolle.

Es geht um Eluana Englaro, eine junge Frau aus Lecco am Comer See, die vor 17 Jahren nach einem Autounfall ins Koma fiel. Zwei Jahre später stellten die Ärzte fest, dass die Schäden an ihrem Gehirn irreversibel seien und dass es für sie keine Hoffnung mehr gebe, ins Leben zurückzukehren. 1999 beantragte ihr Vater Beppino Englaro erstmals, die künstliche Ernährung zu beenden – die inzwischen 37-Jährige wird über eine Magensonde ernährt – aber die Richter lehnten ab. Sie taten es auch 2003 und 2006 in den Berufungsinstanzen. Doch Eluanas Vater, der sicher ist, dass seine Tochter ein Leben am Schlauch abgelehnt hätte, kämpfte sich weiter durch die Institutionen.

Im Oktober 2007 wendete sich das Blatt: Italiens Kassationsgerichtshof stellte fest, dass die Richter den Abbruch der künstlichen Ernährung erlauben dürften, vorausgesetzt, das Koma der Patientin sei unumkehrbar und man könne es als sicher ansehen, dass sie bei vollem Bewusstsein eine solche Therapie abgelehnt hätte. Im Sommer darauf erlaubten auch die Mailänder Richter den Abbruch der Behandlung von Eluana Englaro.

Sie durfte dennoch nicht sterben. Ihr Vater bekam es jetzt nämlich mit der Regierung Berlusconi zu tun, die den Fall zur Frage fürs eigene Gewissen machte und seither einen Feldzug sowohl gegen die Gerichte führt – die sie für unzuständig erklärte – als auch gegen Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens, die bereit wären, Eluana Englaro in ihrer Obhut sterben zu lassen. Mehrere Regionalregierungen folgten mit eigenen Verboten.

In den letzten Tagen ist das Drama „Italienische Republik gegen Englaro“ in die vermutlich letzte Phase getreten: Eluana Englaro liegt seit Anfang Februar in einem Hospiz in Udine, wo man bereits begonnen hat, die Zufuhr von künstlicher Ernährung zu reduzieren. Per Dekret wollte die Regierung das verhindern. Eluana, ließ sich der Premier vernehmen, sei doch hübsch, ihre Menstruation habe sie auch noch, sie könne sogar Kinder bekommen – „als Vater würde ich nicht den Stecker ziehen“. Jetzt ist Italien wegen des Falls in einem Verfassungskonflikt: Staatspräsident Giorgio Napolitano, angeblich selbst Gegner der Sterbehilfe, weigerte sich am Freitag, das Regierungsdekret gegenzuzeichnen. Vergeblich hatte er Berlusconi zuvor vor einem Verfassungsbruch gewarnt: Die Gewaltenteilung und der Respekt der Staatsorgane voreinander seien „fundamental“ und verböten es, die letztinstanzliche Entscheidung eines ordentlichen Gerichts einfach zu missachten. „Nach dem Verfassungsgericht“, sagt der linke Publizist Marco d’Eramo, komme schließlich „nur noch Gott“.

Genau da liegt der Kern des Konflikts: Berlusconi hat sich im Fall Englaro eng wie nie mit der Kirche verbündet, der, so d’Eramo, „letzten wirklichen Macht in Italien“, und setzt deren Begriff von Leben in Regierungshandeln um – fast ungestört von einer Opposition, die zwar „Verfassungsbruch“ ruft, aber selbst nicht wagen kann, die Fundamentalisten, darunter Leute des Opus Dei, in den eigenen Reihen zu reizen.

Warum Berlusconi nicht seinen Meinungsforschern lauscht – zwei Drittel der Italiener stehen hinter Vater Englaro und selbst konservative Kommentatoren stützen Napolitano –, sondern den Stimmen „oltretevere“ („jenseits des Tibers) im Vatikan, könnte nach Meinung von Beobachtern damit zusammenhängen, dass ihm der Fall einen ganzen Strauß Gelegenheiten bietet: sich erneut als Erbe der untergegangenen Christdemokratie zu präsentieren, die Risse in der schwachen Oppositionspartei PD zu verbreitern und der verhassten Justiz wieder eins mitzugeben. Ein Verfassungsbruch dürfte ihm zudem bei etlichen Anhängern nutzen, die eher an starke Männer als an starke demokratische Institutionen glauben.

Beppino Englaro sieht das alles mit dem Blick des Vaters: „Meiner Tochter wird unglaubliche Gewalt angetan.“

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