Welt : Kommissar DNA

Der Bombenleger von Dresden ist verhaftet – die Polizei ermittelte ihn mit den modernsten Methoden der Fahndung

Matthias Schlegel

DRESDEN – WARUM DIE POLIZEI ERFOLGREICH WAR

108 Tage lang hat der Mann die sächsischen Sicherheitsbehörden in Atem gehalten und die Dresdner verunsichert. Ebenso lange hat er den Medien Anlass für die abenteuerlichsten Spekulationen gegeben. Am Sonntagnachmittag wurde er an einer Tankstelle im vogtländischen Zwota, unweit von seinem Wohnort, von einem mobilen Einsatzkommando des Landeskriminalamtes Sachsen festgenommen.

Es handelt sich nicht um einen islamistischen Al-Qaida-Aktivisten und auch nicht um einen Terroristen anderer politischer Coleur. Der Festgenommene ist vielmehr ein Erpresser mit höchster krimineller Energie. Er hatte am 6. Juni am Gleis 14 des belebten Dresdner Hauptbahnhofes eine hochexplosive Kofferbombe abgelegt. Es war Freitagnachmittag, und auf dem Bahnhof herrschte – wie immer an diesem Wochentag – Hochbetrieb. Der Täter hatte den Tod von vielen Menschen zumindest billigend in Kauf genommen. Sprengstoffexperten hatten die Bombe rechtzeitig unschädlich machen können.

Der 62-jährige Immobilien- und Finanzmakler hatte zuvor die Deutsche Bank in Frankfurt/Main mehrfach erpresst. Wie der sächsische Innenminister Horst Rasch (CSU) mitteilte, soll er in sieben Briefen Beträge zwischen 50 und 120 Millionen Euro gefordert haben. Wie der Sprecher des sächsischen Landeskriminalamtes, Lothar Hofner, dem Tagesspiegel sagte, habe er mit der Deponierung des Sprengsatzes seinen Erpressungsversuchen Nachdruck verleihen wollen. Das sei das alleinige Motiv dieser Tat gewesen. Nach derzeitigem Ermittlungsstand sei eine politisch motivierte Straftat ebenso auszuschließen wie ein Zusammenhang mit rechtsextremistischen oder terroristischen Aktivitäten.

Erdrückende Beweislast

Als die Polizei den Mann gefasst hatte, der bereits wegen räuberischer Erpressung vorbestraft ist, wurde er mit einer erdrückenden Beweislast konfrontiert. So hätten sich die Ermittler nach einem „positiven Spurenaufkommen“ schon seit einigen Tagen auf die Vogtlandregion konzentriert, sagte Hofner. Bei mehreren Durchsuchungen von Wohnungen und Geschäftsräumen des Mannes beziehungsweise seiner Lebensgefährtin in Sachsen und Hessen seien Sprengstoff, Sprengschnüre, Zünder und verschiedene Bauteile gefunden worden, die eindeutig der Tat zuzuordnen gewesen seien. Unter dem Eindruck dieser erdrückenden Beweislast habe der Mann „sowohl die Tat gegenüber der Bahn als auch die gegenüber der Deutschen Bank eingeräumt“, sagte Hofner. Er habe gestanden, die Sprengvorrichtung gebaut und die Bombe auf dem Bahnhof deponiert zu haben.

In Richtung Vogtland hatten vor allem die Steine gewiesen, die im Bombenkoffer enthalten waren. Von ihnen wäre im Falle einer Explosion eine verheerende zerstörerische Wirkung ausgegangen. Das war durch nachträgliche Tests von den Ermittlern nachgewiesen worden. Ihrer Zusammensetzung nach konnten die Steine der mineralischen Struktur des Vogtlands zugeordnet werden. Auch im Falle der illustrierten Einbandpappe eines Kalenders, der von dem Täter bei der Fertigung des Zündmechanismus’ verwendet worden war, führte die Spur in die westsächsische Region.

Indem Vertriebsstrukturen und Verkäufe des von einem nordrhein-westfälischen Verlag hergestellten religiösen Kalenders „Die gute Saat“ abgeglichen wurden, zogen die Ermittler seit etwa zwei Wochen den Ring enger.Endgültige Gewissheit erlangte die Polizei durch einen DNA-Abgleich. So waren an den Bauteilen des Sprengsatzes Spuren gefunden worden.

Ein Abgleich mit der behördlichen DNA-Datenbank hatte zunächst zu keinem Ergebnis geführt. Doch als der mutmaßliche Täter gefasst worden war, überführte ihn der genetische Fingerabdruck mit letzter Sicherheit. LKA-Sprecher Hofner spricht von dem DNA-Nachweis als dem „i-Tüpfelchen“ der Ermittlungen.

Die Polizei geht nach derzeitigem Ermittlungsstand davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, ohne Mitwisserschaft weiterer Personen auszuschließen. Gestern hielt man sich mit Einzelheiten noch ein wenig bedeckt, weil die Ermittlungen noch liefen. Der Vorwurf lautet auf Vorbereitung eines Explosionsverbrechens.

Unmittelbar nach dem Bombenfund war eine 20-köpfige Sonderkommission „Bahnhof“ gebildet worden. Hinzugezogen wurden Sprengstoffexperten, Kriminaltechniker, Experten des Bundeskriminalamtes, der Bundesgrenzschutz und Sicherheitsbehörden aus Bayern und Sachsen. Nach den umfangreichen öffentlichen Fahndungshinweisen waren bei den Ermittlern mehr als 300 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. Die Deutsche Bahn AG hatte für sachdienliche Hinweise bis zu 10 000 Euro Belohnung ausgesetzt.

Vor allem die Bauteile der Bombe waren in den polizeilichen Veröffentlichungen immer wieder beschrieben worden. So hatte der Täter neben einem elektromechanischen Reisewecker aus chinesischer Produktion auch sechs Schraubgläser in dem Koffer deponiert, deren Inhalt von Apfelrotkohl über Küchenkräuter bis hin zu Konfitüre reichte.

Nach dem Bombenfund hatte seinerzeit auch der sächsische Innenminister Horst Rasch (CDU) gesagt, dass man einen terroristischen Hintergrund „vorsorglich mit in Betracht ziehen“ müsse. Und insbesondere im Zusammenhang mit dem im Koffer enthaltenen Schnellkochtopf gab es Mutmaßungen, dass islamistische Terroristen hinter der Tat stecken könnten, weil vier Algerier Ende 2000 einen zur Splitterbombe umgebauten Schnellkochtopf auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt explodieren lassen wollten.

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