Welt : Konfliktscheu: Menschen an Weihnachten

Rebecca Casati

Hier sehen wir, was Weihnachten, das Fest der Liebe, schmiert, was es kittet und rettet: Jawohl, meine Lieben, es ist der Alkohol. Ein zittriger Tannenbaum, eine schwerhörige Urgroßtante, ein ungeliebter Schwager - wirken sie nicht plötzlich so mild, so lieblich und versöhnlich, dank Kerzenschein und Eierlikör? Und die lieblosen, absurden oder unnützen Geschenke, die anstandshalber noch ein paar Monate im Keller aufbewahrt werden - kann man nicht einfach darüber hinwegsehen, bei einem derart guten Tropfen, einer Bowle? Ist es nicht alles viel einfacher und netter, so?

Die meisten Menschen reden sich das ein. Die Wahrheit ist: Sie wollen das ganze Jahr über nicht reden. Sie fliehen vor Auseinandersetzungen, scheuen die Konflikte, fürchten sich vor den anderen - den ihren. Und das soll Weihnachten alles aufgeholt werden? Pustekuchen. Das will, das kann doch keiner schaffen. Aber das Geschenkeauspacken - es ist irgendwann vorbei. Also schnell noch ein paar mehr davon kaufen. Vielleicht lässt sich die Zeit ja so É überbrücken? Nein, ahnen die Erwachsenen, so viele Geschenke kann es gar nicht geben.

Die Erwachsenen fürchten Weihnachten insgeheim so wie ganz kleine Kinder die Rute von Knecht Ruprecht. Deshalb trinken sie so rasch, sobald alle zusammensitzen. Damit sie wieder nicht reden müssen, weil sie nur noch lallen können. Die Auseinandersetzungen - sie gehen im allgemeinen Rausch unter. Einigen wir uns doch einfach darauf: Für Kinder gibt es schöne Geschenke, für die Erwachsenen ein unbezahlbares: Gnade. Ein ganzes Jahr lang, im Tausch gegen einen verkaterten 25. Dezember.

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