Welt : Konjunktur für den Weltuntergang (Glosse)

Reiner Ruf

Wer weiß schon, was Donnerstag sein wird. Und ob er überhaupt sein wird, respektive: wir sein werden, am Tag nach der Sonnenfinsternis. Gibt es nicht genug Unheil verkündende Vorzeichen? Wie geschieht uns am Mittwoch, wenn Uranus, Mars, Saturn und Sonne ein kosmisches Kreuz bilden, bis dann der Mond das Licht ausknipst und Finsternis einkehrt auf Erden, und es so sein wird wie damals, ehe Gott (1 Mose 1) sprach: "Es werde Licht"? Jahrtausendende, Weltenende. Und bitte, war nicht erst dieser Tage zu lesen, dass eine amerikanische Frauenuniversität einen Kurs im Strippen anbietet? Immerhin und tröstlich zu wissen: Es gibt Zeugnisse Überlebender früherer Sonnenverfinsterungen. "Es war ein plötzliches Hineinstürzen", berichtet Virginia Woolf von der Sonnenfinsternis 1927, die sie im englischen Hochmoor überstanden hatte. "Die Druiden; Stonehenge; und die rasenden Hunde; all das war in meinem Sinn." Adalbert Stifter schreibt im Wien des Jahres 1842: ,,Wie geisterhaft aber ein Abendwerden ohne Abendröte sei, hatten wir uns nicht vorgestellt, es war ein lastend unheimliches Entfremden unserer Natur, (...) und dann schmolz auch noch der letzte Sonnenfunke weg, es war der Moment, da Gott redete, und die Menschen horchten." Und diesmal? Ist mit einem russischen Angriff auf Mitteleuropa zu rechnen, wie der Wiener Geologie-Professor Alexander Tollmann glaubt? Werner Walter vom Mannheimer "Centralen Forschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene" erwartet sogar einen "Ufo-Großalarm". Doch seine Erklärung muss alle Endzeit-Erwartenden enttäuschen. Nein, keine Invasion feindlich gestimmter E.T.s sei zu befürchten. Nur dass eben etliche Planeten unseres heimatlichen Sonnensystems dank der vermondeten Sonne deutlich am Firmament zu erkennen seien. Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sortiert in seinem Büro die vielen Briefe angsterfüllter Zeitgenossen. "Das Thema Weltuntergang hat Konjunktur", seufzt der Gottesmann. Viele Menschen seien verunsichert angesichts einer Welt, die ihnen aus den Fugen geraten zu sein scheint. Ferdinand Rauch, Sektenbeauftragter der Diözese Fulda, klagt, es würden "unglaubliche Ängste geschürt, die einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich fremd sein müssten". Er berichtet von einer Betriebsleiterin, die ihren Mitarbeitern empfohlen haben soll, sich Vorratsdepots und Überlebensausrüstungen zurechtzulegen. Die alten Chinesen versuchten, den gefräßigen Drachen, der die Sonne zu verschlingen drohte, mit Radau zu vertreiben. Mit offensichtlichem Erfolg. Auch München rüstet sich mit Drachentänzen und "Sonnenbeschwörungen aus Ghana" zur Verteidigung der Sonne. In Bukarest kämpft Luciano Pavarotti akkustisch gegen die Mächte der Finsternis. Und in der selbst ernannten deutschen Sonnenhauptstadt Stuttgart wird am Mittwoch von den Kirchtürmen eine "Glockensymphonie" erklingen. Hernach sollen Stuttgart-weit die drei Lieder angestimmt werden: "Lobet den Herren", "Freude schöner Götterfunken" und "Vom Aufgang der Sonne". Das macht Hoffnung.

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