Konsumrausch oder Liebe : Was viele Geschenke bedeuten

Viele Geschenke unterm Baum – ein Zeichen für Konsumrausch? Nein! Denn Daniel Miller sieht daran: Hier haben sich die Menschen gern.

von
Daniel Miller
Daniel MillerFoto: Suhrkamp Verlag

Nichts. Kein Foto, kein Andenken, kein Buch und keine Blume. Nichts, was etwas über den Bewohner verrät. Ein Tisch, ein Bett, ein Schrank – aber kein Leben. Natürlich verrät gerade das, was nicht da ist, ziemlich viel über den Buchhalter im Ruhestand, der erst bei seinen tyrannischen Eltern lebte, dann in einem Wohnheim, bis er mit 75 und nur notgedrungen seine erste eigene Wohnung bezog. Georges einzige Bezugsperson ist eine Cousine auf dem Land.

Was für ein Kontrast zu den Clarkes, die in derselben Straße im Londoner Süden leben, deren kleines Reihenhaus überquillt. Aus allen Ecken funkelt es, 100 kleine Lampions hängen an Lichterketten, glitzerndes Lametta bedeckt die Wand. Den Tannenbaum im Erker sieht man vor lauter Kugeln kaum, darunter liegt ein Haufen großer Geschenke; die kleinen hängen, in Krepppapier gewickelt, von der Decke. Zu jedem ihrer 800 Weihnachtsschmuckstücke können Mr. und Mrs. Clarke eine Geschichte erzählen, jedes wird gehegt und gepflegt. Im Laufe der Festtage werden alle fünf Kinder mit den zehn Enkeln vorbeikommen, es wird stundenlang geredet und gegessen, Pute, Schinken und 81 selbst gemachte Mince Pies.

„Leere“ und „Fülle“, so nennt Daniel Miller die beiden Porträts, die er an den Anfang seines viel gelobten Buches „The Comfort of Things“ gestellt hat, das in gekürzter Version jetzt auch auf Deutsch erschienen ist (edition suhrkamp, 15 Euro). In „Der Trost der Dinge“ stellt der Anthropolge gängige Vorstellungen auf den Kopf: Viel Zeug zu kaufen und zu haben, ist für Miller keineswegs automatisch böse und materialistisch. Nicht, dass es allein die Masse macht – aber gute, bedeutungsvolle Beziehungen zu Dingen gehen seiner Beobachtung nach mit guten Beziehungen zu Menschen einher. Und vice versa.

Zum Beobachten hatte Miller viel Gelegenheit. Anderthalb Jahre lang ist der 56-Jährige in dieser „ganz normalen“ Straße – deren Namen er nicht verrät, da er all seinen Gesprächspartnern Anonymität zusichert – mit der Doktorandin Fiona Parrett von Haus zu Haus gezogen. „Ich kenne sonst niemanden, der so vorgeht. Aber das ist es, was wir tun: an Türen klopfen.“ In 40 Sekunden die Leute von ihrem Projekt zu überzeugen – für Miller ist das schon eine Kunst. „Oft komme ich mir vor wie ein Staubsaugervertreter. Man muss die Leute sehr schnell einschätzen.“ Sein Glück, dass er in so rasantem Tempo spricht – so rasant, wie er Bücher publiziert, manchmal mehrere in einem Jahr. Was auch enorm wichtig sei für den Erfolg: „Man muss Gefühle zeigen, kein Langeweiler sein. Die Leute sollen mit einem zusammen sein wollen.“

An diesem Freitagmorgen Ende November sitzen wir in der Küche seines Hauses im Londoner Norden, die eindeutig in die Kategorie „Fülle“ passt. Wenn sie ein Mensch wäre, würde man sagen: ziemlich quirlig. So wie der Hausherr. Überall stehen Müslischachteln und Becher herum, vom Boden könnte man nicht essen, es sei denn, man ist Katz oder Hund, die offenbar auch zum Haushalt gehören.

Die Millers führen ein gastfreundliches Haus. Bei englischen Muffins und Nescafé – den Bohnenkaffee haben die holländischen Übernachtungsgäste aufgebraucht – erzählt Miller von seinen Feldforschungen. In London arbeitet der Professor für Anthropologie am University College London inzwischen immer im Duo. „Gucken Sie mich doch an!“ Wer lässt schon einen wildfremden bärtigen Mann mittleren Alters in sein Haus? Mit einer jungen Frau an der Seite öffnen sich eher die Türen. Außerdem guckt jeder mit anderen Augen auf die Welt und das Wohnzimmerregal, man kann hinterher darüber reden: Was war das, wie fandest du das? Und es ist weniger einsam.“ Sein Buch über Au-pairs in London, das demnächst erscheint, hätte er gar nicht schreiben können ohne die Unterstützung der jungen slowakischen Kollegin, deren Freunde und Schwestern alle Au-pairs sind. „Die Mädchen hätten mir nie vertraut.“

Ausgangspunkt von „Trost der Dinge“ war eigentlich das Thema „Verlust“ und der Umgang damit. Worüber die 100 Gesprächspartner ausgesprochen willens waren zu reden, darüber haben die beiden Wissenschaftler auch in akademischen Publikationen geschrieben. Und Fiona Parrott hat aus dem Material ihre Doktorarbeit gemacht: über die Bedeutung von Fotos in der Wohnung.

Miller betritt die verborgene Welt des Privaten gern durch die Hintertür: Der Anthropologe will die Dinge zum Sprechen bringen. „Material culture“ heißt sein Spezialgebiet, das einst von Kollegen als zu banal belächelt wurde und heute bei Studenten so begehrt ist, dass er gar nicht alle aufnehmen kann.

Kein Wunder. Miller schöpft seine Forschungsthemen aus dem Alltag: Jeans, Shopping, Zuhause, Auto, Handy, Facebook, das Hausgespenst. Er ist einer der wenigen seines Fachs, der in der weiten Welt und vor der eigenen Haustür forscht. Und dahinter. Miller ist der Hausmann seiner Familie. Seine Frau leitet das Jüdische Museum von London, er kann sich als Wissenschaftler seine Zeit freier einteilen. Er hat sich um die beiden Kinder gekümmert, als sie noch klein waren, ist zuständig fürs Kochen und Einkaufen, besorgt seiner Frau manchmal sogar die Kleidung. In Kunstgalerien fühlt er sich unwohl, eingeschüchtert – in der Damenabteilung des Kaufhauses Liberty blüht er auf - „das ist alles so spannend, kreativ und vielfältig. Einige meiner Studenten sagen vermutlich, dass ich was von einer Frau habe.“

Miller ist ein fröhlicher Wissenschaftler, der nicht trennt zwischen Arbeit und Leben. Er, der Hegel und Simmel als seine großen Meister beschreibt, untersucht, was ihm sowieso Spaß macht: shoppen gehen oder zu Hause sein. Was er am allerliebsten macht: im Pub sitzen, ein Bier trinken und sich, nein, nicht über Fußball unterhalten, sondern über Beziehungen. Er könne sich nichts Schöneres vorstellen. Und gern gibt er Kommentare („Idiot!“) und Ratschläge.

Das macht er bei der Arbeit doch auch. „Teilnehmende Beobachtung“ heißt die Methode, die Anthropologen sonst bei ihrer Arbeit in der exotischen Ferne praktizieren – indem sie etwa Monate lang bei einer Familie im afrikanischen Dorf leben. Nicht, dass Miller bei den Londoner Objekten seiner wissenschaftlichen Begierde einzieht. Aber bei seinen Langzeitstudien schaut er immer wieder bei ihnen vorbei, manchmal einfach auf eine Tasse Tee und ein Schwätzchen. Und wenn er mit ihnen zu Forschungszwecken einkaufen geht, und sie fragen, ob ihr Hintern zu fett sei für den Rock, dann sagt er die Wahrheit. „Ich sage immer, was ich denke. Versucht, so normal wie möglich zu sein, rate ich meinen Studenten.“

Dabei hat Miller gar keinen Geschmack, wie er sich selbst attestiert. Ein Ästhet hätte Probleme damit, einfach in jedes Haus reinzumarschieren; aus vielen würde er wahrscheinlich gleich wieder schreiend rauslaufen. Wenn jemand sich scheußlich möbliert, die Zimmer voll stopft, so findet Miller das nicht abstoßend, sondern interessant. Seinen Objekten nähert er sich mit Neugier und ohne Hypothese.

Die Muffins sind gegessen, der Nescafé getrunken, wir ziehen in den Salon, der überraschend förmlich wirkt. Hier wird mit Gästen und zur Feier des Sabbats gegessen, hier stehen und hängen Erinnerungen: Sessel von der Großmutter, Gemälde von der Tochter, religiöse Objekte. Auf der anderen Seite des Flurs wiederum ist das eigentliche Wohnzimmer der Familie, eine gemütliche Höhle mit bequemen Sofas und Fernseher. Miller zuckt mit den Schultern. Gerade die Widersprüche sind es, die den Wissenschaftler faszinieren. Der Mensch habe doch immer verschiedene Seiten in sich – weswegen er demnächst ein Buch als Trialog veröffentlichen wird, in dem er selbst mit drei Stimmen argumentiert. Seit dem Erfolg von „Trost der Dinge“, diesem sehr erzählerischen, auch emotionalen Buch, hat Miller Gefallen gefunden am literarischen Experiment. Weswegen er sich jetzt auch seine älteren Bücher, deren prätentiöser Stil ihm nicht mehr gefiel, noch mal vorgeknöpft hat, sie , gerafft, umgeschrieben und in einem Sammelband mit dem unakademisch klingenden Namen „Stuff“ neu herausgebracht hat.

Das Telefon klingelt, die BBC möchte, dass er bei einer Sendung zum Thema Weihnachten mitmacht. Im Prinzip immer gerne, aber in ein paar Tagen fährt er zum Arbeiten nach Trinidad und kommt erst im Januar zurück.

Zu keinem Thema, erzählt Miller, wird er so oft angefragt wie diesem, über das er vor Jahren ein Buch herausgegeben hat: „Unwrapping Christmas“. Eine ganz eigene Theorie des Festes hat er darin entwickelt: Weihnachten ist für ihn kein asozialer Konsumterror, sondern gerade die Möglichkeit, den „Konsum zu zähmen“. Geld auszugeben für ein rauschendes Weihnachtsfest, für die Familie, das ist für ihn sozial.

Miller selber liebt Weihnachten – obwohl oder weil er Jude ist. Seine Familie war sehr anglisiert, wie er das nennt, der 25. Dezember der Höhepunkt des Jahres. Seine Frau dagegen ist streng religiös aufgewachsen, besteht auch heute noch darauf, das Fest zu ignorieren. Nur wenn Daniel Miller gerade in Trinidad oder anderswo weilt, zelebriert er Weihnachten, und wenn sie dabei ist, feiert sie mit, „das ist unser Kompromiss“.

Bloß einmal hat er auch in London unterm Tannenbaum gesessen und mit der Großfamilie Pute gegessen. Aber das war ja Arbeit: Im kleinen Reihenhaus der Clarkes war das – „das bezauberndste Weihnachtsfest seit ,Fanny und Alexander’“, bei dem er sich wieder in einen kleinen achtjährigen Jungen zurückverwandelt hat. Gesegnete Wissenschaft.

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