Welt : Konsumverhalten: Boris und Steffi brachten den Tennisschläger

Was braucht der Mensch für ein menschenwürdiges Dasein? Brot, ein Dach über dem Kopf und vielleicht noch ein gutes Buch? Das reicht dem Durchschnittsdeutschen schon lange nicht mehr. Feine Leberwurst braucht er zum Markenbutter-Brot, Glasvitrine und Lampenleiste für die Wohnung, Walkman und Farbfernseher zum Freizeitvergnügen. Das zumindest haben die Experten vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ermittelt: Alle fünf Jahre untersuchen sie das Konsumverhalten in Deutschland. Ihre wichtigsten Fundstücke packen sie in den so genannten Warenkorb, der etwa 750 Artikel und Dienstleistungen umfasst. Auf seiner Grundlage wird Monat für Monat die Preissteigerung ermittelt.

Weil der Warenkorb seit 1950 alle fünf Jahre neu ermittelt wird, sagt er einiges aus über Kultur und Lebensweise der Deutschen. So wissen wir ziemlich genau, wann sie auf den Geschmack der Kiwi kamen oder die Lust auf Hammelfleisch verloren. Oder dass sie sich früher auf Seegrasmatratzen betteten, sich zur Erbauung ein Reclamheft gönnten, und wie oft sie sich heute einen Restaurantbesuch leisten. Man kann den Niedergang des Apfels als einst fast monopolistischem Vitaminspender ebenso erahnen wie das Aufkommen der Gefriertruhe im deutschen Haushalt - als nämlich der gefrorene Spinat den frischen verdrängte. Auch Boris Becker, Steffi Graf und die Folgen von Wimbledon sind dokumentiert: Der Tennis-Boom brachte 1985 das Racket in den Warenkorb. Seine Zusammensetzung zeigt auch, wie viel größer früher der Anteil am Haushaltsbudget war, den die Deutschen für Essen und Trinken ausgaben. Allein zwischen 1991 und 1995 ist der Anteil für Nahrungsmittel und Getränke von rund 144 auf 131 Promille gesunken.

Auf diesen Seiten dokumentieren wir in leicht zusammengefasster Form den aktuellen Warenkorb. Weil die Auswertung der erfassten Daten immer mehrere Jahre dauert, wird an diesem Warenkorb (erhoben 1995) erst seit 1998 die Inflationsrate gemessen. Und deshalb wird es vermutlich erst in ein, zwei Jahren ein neues Verzeichnis geben. Das ist einer der Gründe, warum wir neben neuen Posten wie Mobiltelefon und Mikrofaserjacken auch Dinge entdecken, die immer noch in den Verbraucherpreisindex einfließen, obwohl sie in unserem Haushalt längst keine Rolle mehr spielen: Wer tippt seine Briefe schon noch auf der Schreibmaschine? Beim nächsten Mal fliegt sie mit Sicherheit raus, werden hingegen Telekommunikation und die Ausgaben fürs Internet eine größere Rolle spielen. Auch so genannte Convenience-Produkte - Halbfertiggerichte, Tiefkühlpizzen - werden mit der wachsenden Zahl von Single-Haushalten und berufstätigen Eltern an Bedeutung gewinnen.

Gebrauchsanweisung dieser Statistik

Auf unserer Liste stehen links die Warenkorb-Artikel; rechts daneben ihr jeweiliger Promilleanteil an den durchschnittlichen Ausgaben eines Haushaltes (1998 und 1950). Mit Rot sind jene Positionen des sehr viel kleineren, ersten Warenkorbes von 1950 markiert, die inzwischen aus unserem Leben verschwunden sind - wie die Kittelschürze und der Kohleherd.

Viele andere Waren und Dienstleistungen haben sich - unverändert oder in ähnlicher Form - über die Jahre halten können. So haben die Statistiker herausgefunden, dass die Deutschen etwa auf Bonbons oder Kabeljau auch heute einfach nicht verzichten können.

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