Welt : Konsumverhalten: Wie in der DDR mit Preisen getrickst wurde

Rico Czerwinski

Anders als in der Bundesrepublik wussten in der DDR nur ganz wenige Menschen genau, wie sich die Preise und Lebenshaltungskosten in ihrem Land entwickelten. Die DDR-Staatsgründer hatten von vornherein darauf verzichtet, einen Warenkorb und eine ordentliche, aussagekräftige Preisstatistik einzuführen. Eigentlich wäre das auf Basis der planwirtschaftlichen Einheitspreise viel einfacher gewesen als unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Allerdings gehörte ein niedriges und konstantes Preisniveau zu den so genannten Errungenschaften, auf die die Politiker immer verwiesen, wenn es um den Erfolg des Sozialismus ging.

So bestätigte das Statistische Jahrbuch der DDR auch regelmäßig, dass die Einzelhandelsverkaufspreise nahezu stagnierten. Für die Zeit von 1970 bis 1988 etwa wurde lediglich eine Schwankung von 0,5 Prozent angegeben. Und tatsächlich bezahlte man über Jahrzehnte hinweg auch immer acht Mark für ein Kilo Schweinekotelett, 20 Pfennig für eine Straßenbahnfahrt und drei Mark 50 für eine Rolle Tapeten. Was aber nicht hieß, dass die Lebenshaltungskosten gleich blieben.

Der Staat musste, wollte er die Preise für Waren des täglichen Bedarfs, für Tarife und Dienstleistungen konstant halten, von Jahr zu Jahr mehr Subventionen aufwenden, die er zum Beispiel auf die Preise für angebliche "Luxusgüter" schlug. So konnte ein Fernseher schnell 7000 Mark, eine Packung Pralinen 20, und eine Dose Ananas acht Mark kosten. Im Laufe der Zeit dachten sich die sozialistischen Planer noch eine Menge anderer Tricks aus, um die wirklichen Lebenshaltungskosten zu verschleiern. Die beliebteste Methode war, ein bisschen am Qualitätshebel zu spielen.

Natürlich hatte eine Sorte Tapeten über Jahre hinweg immer denselben Preis, irgendwann musste man statt einer allerdings drei Rollen kaufen, wenn man seine Wände wirklich bedecken wollte. So ähnlich war das mit Bettwäsche, Möbeln, Zahnpasta und vielen anderen Produkten. Zum Ende hin soll sich diese Art der Preispolitik sogar auf die berühmten Weizenbrötchen ausgewirkt haben, die noch heute als Symbol für die Leistungsfähigkeit sozialistischer Backkunst stehen. Nicht wenige meinten, dass diese in den letzten Jahren der DDR höchstens noch so viel Wert waren, wie sie in den 40 Jahren zuvor immer gekostet hatten:

fünf Pfennig.

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