• Konzeptkunst auf Chinesisch: In der Provinz des Riesenreichs blüht die Subkultur

Welt : Konzeptkunst auf Chinesisch: In der Provinz des Riesenreichs blüht die Subkultur

Rachel Morarjee

Peking ist weit, und die Berge sind hoch rund um Chengdu. Vielleicht blüht deshalb in der westchinesischen Stadt eine Subkultur, die ihresgleichen in China sucht. In der künstlerischen Oase der armen Provinz Sichuan tummeln sich skurrile Gestalten und Musiker, die völlig ungestört ihren Interessen nachgehen können. Die Bands spielen Punk und Grunge. Konzeptkünstler toben sich auf den Straßen aus, und selbst die Gesetzeshüter drücken im Sinne der Kunst gern mal ein Auge zu.

So war es auch, als Ying Xiaofeng eines Abends von Kopf bis Fuß in fluoreszierende Kleidung gehüllt auf der Verkehrspolizisten-Plattform der Prachtstraße Chengdus herumhüpfte wie ein Verrückter - als Teil einer Kunstperformance, versteht sich.

"Die Leute haben ihre Autos angehalten und mir zugeschaut", erzählt er. "Irgendjemand hat dann die Polizei gerufen." Doch die anrückenden Polizisten seien sehr verständnisvoll gewesen, als er ihnen erklärte, dass er Konzeptkünstler sei, der gerade Fotos seiner Performance mache. Er hebe mit seiner Aufführung die Arbeit der Verkehrspolizisten hervor, habe er erzählt, und die Polizisten ließen den Mann mit den leuchtenden Klamotten gutmütig weiterziehen. "Können Sie sich das auf dem Tiananmen-Platz (Platz des Himmlischen Friedens) in Peking vorstellen?", fragt Ying.

Auch die Underground-Musiker werden von aller behördlichen Einmischung verschont. Bambi ist einer von ihnen. Im richtigen Leben heißt der Grunge-Musiker Zeng Tai und gibt Architektur-Vorlesungen an der Universität von Sichuan. Seinen Künstlernamen wählte er aus Verehrung für die britische Punk-Legende "Sex Pistols", nachdem er deren Song "Who killed Bambi" gehört hatte. "Chengdu ist ein entspannter Ort", sagt der langhaarige, Ohringe tragende Bambi. Die örtliche Regierung gebe den Künstlern sehr viel mehr Freiheit, auch an öffentlichen Orten aufzutreten, als dies in Peking oder Schanghai denkbar wäre.

Westliche Investoren sind noch nicht vorgedrungen in die armen und bevölkerungsreichen Provinzen im Westen Chinas. Die langsame wirtschaftliche Entwicklung gibt der Bevölkerung nach Bambis Ansicht einen "anderen Blick" auf das Leben in Chengdu. Niemand sei dort so gehetzt oder gestresst wie beispielsweise in Schanghai. "Hier haben die Leute Zeit, ihren eigenen Interessen nachzugehen und sich selbst zu entwickeln", meint der Musiker. "In Schanghai rennen doch alle nur dem Geld hinterher."

Gegen ein bisschem mehr Ruhm und Geld für die entlegene Künstlergemeinde hätte die Bar-Besitzerin Tang Lei aber auch nichts einzuwenden. Sie gilt als die "Grande Dame" der Grunge-Szene von Chengdu und hofft auf Berühmtheit.

In den Metropolen in fast 1500 Kilometern Entfernung ist die Subkultur im Westen ein Begriff. Neidvoll blickt beispielsweise der Besitzer der BizArt-Gallerie in Schanghai, Dado Quadrio, nach Chengdu. "Sie haben dort die Freiheit, zu tun, was immer sie wollen", schwärmt er.

Die Abgeschiedenheit hat für die Künstler einen weiteren großen Vorteil. Sie können ihren völlig eigenen Stil entwickeln, weil sie sich nicht von den "Vorgaben" aus dem Westen beeinflussen lassen. "Unsere Kunst ist viel direkter mit dem Leben verbunden." Und sei es, in leuchtenden Klamotten mit Polizisten über Kunst zu reden.

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