Krawall in den Favelas von Rio : Je näher die Fußball-WM rückt

Je näher die Fußball-WM in Brasilien rückt, desto gewalttätiger entlädt sich die Wut der Bewohner in den Favelas von Rio de Janeiro. Wie jetzt.

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Die Spezialpolizei im Kampf gegen Randalierer in Rio de Janeiro.
Die Spezialpolizei im Kampf gegen Randalierer in Rio de Janeiro.Foto: AFP

Nun traf es Copacabana und Ipanema, die berühmtesten Viertel der Stadt. Es hätte auch überall anders in Rio de Janeiro passieren können – die Stimmung unter den Armen der Metropole ist explosiv. Wütende Bewohner der Favela Pavão-Pavãozinho strömten am frühen Dienstagabend aus ihrem steil an einem Hügel gelegenen Häusern herab, zündeten die Müllberge einer Auffahrtsstraße an, verbrannten Reifen und ein Auto. Sie schrien, dass sie genug hätten von der sogenannten Befriedungspolizei UPP, die 2009 in ihrer Favela stationiert wurde und beschuldigten die Beamten, einen beliebten Favelabewohner ermordet zu haben. Der 26-jährige Douglas Rafael da Silva Pereira war am Nachmittag leblos auf dem Gelände einer Kinderkrippe aufgefunden worden. Er war bekannt, weil er in einer Sonntagnachmittagsshow des Fernsehsenders „Globo“ als Tänzer auftrat und außerdem eine immer erfolgreichere Tanzgruppe anführte. Die Polizei gab zwar an, nichts mit den Tod des „DG“ genannten Tänzers zu tun zu haben und schloss auf einen Streit mit einer Drogengang – doch die Bewohner glaubten und glauben nicht daran. Es wäre nicht das erste Mal, dass Rios Polizei unschuldige Menschen ermordet und versucht, Verbrechen zu vertuschen.

Barrikaden brennen in den Favelas von Rio de Janeiro

Nun sah man Supermarktwägen in Flammen stehen, Protestierer suchten herumliegendes Holz und steckten es an, sogar weggeworfene Haushaltsgeräte brannten. Mehrere Hundert, vor allem junge Männer, entschieden dann, die wichtigsten Durchfahrtsstraßen durch Copacabana und einen Tunnel in Richtung des Reichenviertels Ipanema zu blockieren und errichteten Barrikaden, die sie ebenfalls in Brand stecken. Es mangelte ihnen nicht an Material, denn Müll liegt unterhalb der Favela genügend herum, die Abfallentsorgung funktioniert hier nur unzureichend.

Später musste auch der Zugang zu einer Metro-Station geschlossen werden, die Fenster eines Hospitals und umliegender Apartmentblocks gingen gingen zu Bruch und eine Polizeistation in der Favela wurde angegriffen. Die Polizei schickte mehrere schwerbewaffnete, mit schusssicheren Westen und Armeegewehren ausgestattete Polizeibataillons auf die Straße, aktivierte sogar die berüchtigte Eliteeinheit Bope. Man sah sie nervös und mit gezückten Waffen, auch weil sie Angriffe der Drogengans aus der Konfusion heraus befürchteten. Den Volkszorn konnte ihre Präsenz jedoch nicht eindämmen. Die Explosionen von Feuerwerkskörpern und den Schockbomben der Polizei hallten durch die engen Straßen der Copacabana. Es wurde auch scharf geschossen. Ein Mann wurde in der Favela durch einen Kopfschuss getötet. Die Umstände sind bisher ungeklärt. Ein weiterer Jugendlicher soll ebenfalls erschossen worden sein, meldeten am Mittwochmorgen einige Lokalzeitungen.

Erstaunte Touristen schauen zu

Am Rande der Ausschreitungen sah man kurioserweise auch zahlreiche erstaunte Touristen, denn im unteren Teil der Favela Pavão-Pavãozinho haben einige, teils sehr teure Hostels und Hotels aufgemacht.

Nachdem die Ausschreitungen spät in der Nacht endeten, wurden immer mehr Details zum Tod des Tänzers bekannt. Eine Obduktion ergab, dass er erstickt war. Die Mutter des Opfers widersprach der Version der Polizei, dass sein Körper keine Wunden aufgewiesen habe. Stattdessen sei er offenbar geschlagen worden und blutverschmiert gewesen. Ihm fehlten zudem die Dokumente und 800 Reais, umgerechnet 270 Euro. Sie beschuldigte die Befriedungspolizei UPP, Rache an ihrem Sohn genommen zu haben. Diese habe vor zwei Jahren sein Motorrad konfisziert und den Tank mit Sand gefüllt. Dann hätte sie einfach über Nacht mitgenommen. In Gesprächen gaben sich die Favelabewohner überzeugt davon, dass die Polizei hinter dem Tod des Tänzers stecke.

Sein Fall ruft Erinnerungen an den Fall Amarildo wach, einen Maurer, der vergangenes Jahr in der Favela Rocinha von einem Dutzend Befriedungspolizisten aus nichtigem Anlass zu Tode gefoltert wurde. Allerdings sind die Ausschreitungen auch symptomatisch für den zu Scheitern drohenden Versuch Rio de Janeiros, seine Favelas unter staatliche Kontrolle zu bringen. Das einzige Mittel dazu sind bisher die Einheiten der UPP. Sie sollen seit 2008 die Macht der Drogenbanden brechen und helfen, das Leben in den Favelas zu normalisieren. Beides ist ihnen jedoch nie gelungen, und es kommt, je näher die WM rückt, zu immer mehr Konflikten zwischen den Favelabewohnern und der Polizei, die als gewalttätige Besatzungsmacht wahrgenommen wird. Vertrauen genießt sie so gut wie nirgends. Zuletzt protestierten die Bewohner zahlreicher, weit über die Stadt verteilter Favelas, errichteten Barrikaden, steckten Busse an und attackierten UPP-Stationen. In einem letzten Facebook-Einträge bat Sänger „DG“ um „Frieden und Liebe für alle Favelas“.

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