Kriminalität : "Schläfer" im Bankhaus

Die organisierte Kriminalität verschafft sich Zugang zur Finanzwelt. Dabei setzen die Banden auf sogenannte "Schläfer": Banker, die in ihrer Karriere sensible Informationen sammeln und "geweckt" werden, wenn sie Schlüsselpositionen erlangt haben.

London - Der grauhaarige Gentleman stellte sich nicht vor. Er sagte nur «Sir, wir kennen Ihre Probleme.» Dann steckte er dem Mitarbeiter eines Londoner Finanzinstituts einen Umschlag mit Geld sowie einer Handy-Nummer zu und verschwand in der Schar der Hochzeitsgäste. So ähnlich haben in den vergangenen Jahren Beziehungen begonnen, die aus unbescholtenen Bankern Verbrecher gemacht und Firmen in Europas Finanzmetropole bereits Milliarden Pfund gekostet haben.

Die Anbahnungsszene bei der Hochzeit wurde jetzt in London Teilnehmern eines Kongresses über Methoden der organisierten Kriminalität in der Finanzwirtschaft geschildert. «Rekrutierer» weltweit operierende Banden gingen heutzutage ebenso systematisch wie unverhohlen vor, berichtete Oliver Shaw, Chefinspektor der Spezialeinheit von Scotland Yard für die «City», wie Londons Banken-, Börsen- und Versicherungsviertel genannt wird. «Vor allem Mitarbeiter großer Filialen werden verdeckt angesprochen.»

«Infiltration» heißt das neue Motto der organisierten Kriminellen. Weil es den Finanzinstituten immer besser gelingt, Computersysteme und Internetverbindungen vor Datendieben zu schützen, setzt die Unterwelt im «Krieg zwischen Banken und Betrügern» verstärkt «auf den Faktor Mensch», wie Callum McCarthy, der Vorsitzende der britischen Finanzaufsichtsbehörde FSA, zu berichten weiß.

Dass leitende Mitarbeiter von Geldinstituten bestochen oder erpresst werden, damit sie PIN-Nummern, Konto- und Kreditkartendaten sowie Verschlüsselungssysteme verraten, ist dabei für McCarthy noch nicht mal das schlimmste Problem. Der Trend gehe immer mehr dahin, dass Verbrechersyndikate ihre Leute bereits am unteren Ende der Karrierleiter in die Finanzindustrie einschleusen. Solche «Schläfer» gehen ordentlich ihrer Arbeit nach, gewinnen Vertrauen, sammeln Erfahrungen und sensible Informationen und werden «geweckt», wenn sie Schlüsselpositionen erlangt haben.

Insgesamt gehen allein der britischen Wirtschaft nach Angaben der FSA mittlerweile pro Jahr etwa 14 Milliarden Pfund (rund 21 Mrd Euro) durch Betrügereien verloren, ein Großteil davon durch Insider- Kriminalität. Hinzu kommt, dass rund 25 Milliarden Pfund durch die Organisierte Kriminalität, vor allem durch Drogenkartelle, in britischen Finanzinstituten «gewaschen» werden.

In letzter Zeit seien Ermittler auf eine deutliche Zunahme der Infiltration von weltweit operierenden Finanzfirmen am Standort London aufmerksam geworden, berichtete die «Times» unter Berufung auf hohe Polizeikreise. «Sie sagen, dass die Bedrohung (der Finanzwirtschaft) in den letzten Monaten enorm zugenommen hat.» So seien erst kürzlich sieben Mitarbeiter der Barclays Bank unter dem Verdacht der Konspiration zum Betrug an Kunden und an der Bank verhaftet worden.

Zu den prominenten Opfern der Infiltration gehört nach Medienberichten der in Großbritannien beliebte TV-Komiker Ricky Gervais. Von dessen Konten ließ ein bis heute nicht entdeckter Insider umgerechnet 300 000 Euro «verschwinden». Der Vertrauensverlust, der Geldinstituten aus solchem Vorgehen der Finanzkriminalität erwächst, «ist potenziell so verheerend, dass hier alle zum tiefen Schweigen verdonnert sind», sagte ein Londoner Banker Reportern. «So manchem ist in der City richtig angst und bange.» (Von Thomas Burmeister, dpa)

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