Kriminalpsychologie : Warum bringen Mütter ihre Kinder um?

Jahrelang versteckte eine Mutter im sächsischen Plauen die Leichen ihrer Babys in einem Koffer, einer Tiefkühltruhe und auf dem Balkon. Im schleswig-holsteinischen Darry wurden in einem Einfamilienhause fünf tote Jungen gefunden. Die Mütter stehen unter Verdacht, ihre Kinder umgebracht zu haben. Was treibt eine Mutter zu solch einer grausamen Tat?

Susanna Gotsch
babyleiche
Kindsmord in Plauen: In dieser Plastiktüte versteckte eine 28 Jahre alte Mutter die Leiche eines ihr drei getöteten Babys. -dpa

Psychische Defizite



Häufig kommen Frauen, die ihre Kinder umbringen, aus schwierigen sozialen Verhältnissen, erläutert Kriminalpsychologe Helmut Kury im Gespräch mit Tagesspiegel.de. Sie stehen am Rand der Gesellschaft. Emotionale Wärme, Harmonie, Zuwendung – all das haben sie nicht erfahren, so Kury. Sie haben nicht gelernt, wie man richtig mit Kindern umgeht, sondern nur, wie man nicht mit ihnen umgeht. Viele der Frauen, die ihre Kinder umgebracht haben, wurden als Kinder selber misshandelt. Sie würden das weitergeben, was sie gelernt haben.

Kury spricht von einer "psychischen Schieflage": Wenn ein Mensch als Kind keine Wärme empfangen hat, ist sein Wahrnehmungsmechanismus verändert. Emotionen sind nicht vorhanden und werden auch nicht zugelassen. Wenn sich Frauen mit solch psychischen Defiziten zusätzlich in extrem schwierigen Situationen befinden, ist häufig Gefahr in Verzug, so der Psychologe.

Sie wissen nicht, was zu tun

Wenn dann die Rechnungen nicht bezahlt werden können, die Partnerschaft auseinander bricht, Alkohol und Drogen im Spiel sind oder eine ungewollte Schwangerschaft bevorsteht und das soziale Netzwerk fehlt – kurz, wenn die Welt vor dem Zusammenbruch steht, sind jene Frauen überfordert. Eine Kurzschlussreaktion kann die Folge sein. "Mütter keinen anderen Ausweg aus ihrer Situation sehen, sind in der Lage ihre Kinder umzubringen", erklärt Kury. Ganz typisch ist dabei, dass die Tat anschließend vertuscht werde.

Auf die Frage, ob solche Taten geplant sind, hat Helmut Kury zwei Antworten: "Wenn ein Neugeborenes getötet wird, kann die Tat geplant gewesen sein. Die Schwangerschaft wird in der Regel verheimlicht, ebenso die Geburt. Die Tötung des Säuglings könnte mit einem Schwangerschaftsabbruch verglichen werden. Wenn sich die Frau allerdings schon lange in einer vertrackten Situation befindet und aus dieser heraus ihre Kinder tötet, ist es meist die Folge einer Kurzschlussreaktion."

Angehörigen fällt meist nichts auf

Tief im Inneren werden bei Kindsmörderinnen Schuldgefühle geweckt, fährt Kyre fort. Sie sind sich durchaus bewusst, welch schweres Unrecht sie begangen haben. Kyre nimmt an, dass viele den heimlichen Wunsch haben, die Tat irgendwann ans Tageslicht zu bringen. Das wäre eine Erklärung dafür, weshalb sie die Leichen in Gefriertruhen und Koffer legen oder sie in Blumenkübeln vergraben – Orte, an denen die toten Kinder gefunden werden können. Es kann Jahre dauern, ehe sie selber zur Polizei gehen oder Hinweise aus der Nachbarschaft kommen.

Es ist schwierig, Anzeichen zu deuten, die darauf hinweisen, dass eine Frau ihr Kind umgebracht hat. Was in der Regel nur erfahrene Psychologen erkennen können, entgeht dem Nachbarauge.

In Darry meldete ein Lehrer das Fehlen der Kinder beim Jugendamt. Im Fall Plauen hat angeblich noch nicht einmal das engste Umfeld der Mutter etwas mitbekommen. Der Fall kam ins Rollen, als die Einschulung des ältesten Kindes bevorstand. Für den Präsidenten der Polizeidirektion Südwestsachsen Dieter Kroll kaum nachvollziehbar: "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass den Angehörigen nichts aufgefallen ist."

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