Krisenstab eingerichtet : Sexuelle Gewalt unter Kita-Kindern in Mainz

Eine Kita sollte ein Ort sein, in dem sich Kinder geborgen fühlen. In Mainz ist daraus ein Ort des Schreckens geworden. Kinder sollen anderen Kinder sexuelle Gewalt angetan haben - über Monate.

Spielende Kinder sind auf Mülltonnentüren einer Katholischen Kindertagesstätte in Mainz gemalt. Nach mutmaßlichen sexuellen Übergriffen unter Kindern hat die katholische Kirche die Kindertagesstätte vorübergehend dicht gemacht. Die Vorfälle beschäftigen jetzt auch Ermittler und Behörden.
Spielende Kinder sind auf Mülltonnentüren einer Katholischen Kindertagesstätte in Mainz gemalt. Nach mutmaßlichen sexuellen...Foto: dpa

Nach der Serie sexueller Übergriffe unter Kindern in einer katholischen Kita in Mainz ist die Betreuung von Eltern und Kindern angelaufen. Der Kinderschutzbund richtete einen Krisenstab ein. „Selbst als Fachmann ist man da eigentlich fassungslos“, sagte Geschäftsführer Uwe Hinze am Freitag. Eine Handvoll Eltern habe das Beratungsangebot bisher in Anspruch genommen. Die Betreuung wird nach seinen Angaben möglicherweise ausgebaut, weil bei den Eltern auch Scham und Tabuisierung herrschen könnten.

Für die Kinder bietet die Uniklinik Mainz eine Betreuung an. Dies muss nach Ansicht des Psychologen Michael Huss sehr behutsam angegangen werden. „Viele Kinder haben noch nicht realisiert, was da für ein Ausmaß stattgefunden hat.“ In der Kita soll es nach Angaben des Bistums Mainz schon länger schwere sexuelle Übergriffe gegeben haben.

Das Bistum berichtete am Donnerstag von Erpressung und Gewalt, ein Kind soll zum Beispiel eine Verletzung im Genitalbereich erlitten haben. Fast alle der 55 Kinder sollen irgendwie betroffen sein. Das Bistum beruft sich bei den Angaben auf die Eltern. Es kündigte allen sieben Mitarbeitern fristlos und wirft ihnen vor, die Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Mainz ermittelt. Die Kita ist bis September geschlossen.

Ausmaß der sexuellen Gewalt kaum zu erklären

Generalvikar Prälat Dietmar Giebelmann ringt mit seinen Worten. Der Begriff, mit dem er seine Sätze an diesem Tag häufig beschließt, ist „fassungslos“. Giebelmann will erklären wie es in der Kita in seinem Bistum zu sexueller Gewalt unter Kindern gekommen sein soll und kann es nur mit Mühe. „Wir können uns kaum erklären, wie diese Vorfälle über einen langen Zeitraum unbemerkt bleiben konnten“, sagt der 68-Jährige am Donnerstag in Mainz. Obwohl die Erzieher erste Hinweise schon vor Monaten erhalten hätten, sei nichts nach außen gedrungen - es habe sich um ein geschlossenes System gehandelt.

Ein System, das nun offenbar traumatisierte Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren hinterlassen hat. Ein System, das vergangene Woche, als die Pfarrei von den Vorfällen erfahren haben will, in einer Art Hauruck-Aktion schlagartig abgeschaltet wurde. Die Kita im Mainzer Stadtteil Weisenau ist geschlossen, den sieben Mitarbeitern wurde fristlos gekündigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten. „Wie es geschehen kann, dass ein Gesamtgeist einer Einrichtung so umkippt und so im Grunde genommen verroht, weiß ich auch nicht“, sagt Giebelmann.

„Perversitäten sexueller Gewalt“

Wenn es darum geht, was genau in der Kita „Mariä Königin“ vorgefallen ist, fallen nicht nur ihm die Worte schwer. Er nennt es „Perversitäten sexueller Gewalt“. Er beschreibt Handlungen, die mancher sich nur im Fall harter Pornografie vorstellen kann, sowie üble Gewaltandrohungen. Michael Huss, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Unimedizin Mainz, kennt den Katalog der Vorfälle. Auch er kann das Ausmaß kaum fassen. Das gehe weit über das hinaus, was man unter Doktorspielen kenne. „Dieses Verhalten ist nicht normal. Auch wenn ich meine Berufsjahre Revue passieren lasse, fällt das eindeutig aus dem Rahmen.“ Für den Mediziner stellt sich angesichts der Berichte die Frage, ob Kinder in der Kita bereits Missbrauchserfahrungen gemacht hatten.

Oder ob sie Pornofilme sahen. „Das Wichtigste für Eltern ist, den Kindern nun einen wirksamen Schutz zu geben und für sie da zu sein. Denn dieser Schutz hat offensichtlich in der Kita gefehlt“, sagt Huss. Die Chronik der Ereignisse geht laut dem Bistum so: Erst am Montag der vergangenen Woche habe die Pfarrei, die der Träger der Kita ist, von den sexuellen Übergriffen erfahren. Der Brief einer Mutter sei beim Pfarrer gelandet. Vorher sollen alle Hinweise nur bis zu den Erziehern und der Kita-Leitung vorgedrungen sein - ohne Konsequenzen. Noch am Abend sei dann entschieden worden, das Haus zu schließen.

An diesem Mittwoch wurde der Fall schließlich eine großen Öffentlichkeit bekannt, als die „Allgemeine Zeitung“ aus Mainz darüber berichtete. Das Bistum geht nun vor allem mit den Mitarbeitern der Kita hart ins Gericht. Sie hätten darauf verwiesen, nichts bemerkt zu haben, sagt Giebelmann. Er kann es sich kaum erklären. „Wir können als Bistum nur sagen, dass wir schlichtweg so betroffen sind, dass wir uns in aller Form bei Angehörigen, Kindern und Eltern entschuldigen.“ (dpa)

Die Vorwürfe an die Kita in Mainz haben sich mittlerweile als falsch herausgestellt. Lesen Sie hierzu einen ausführlichen Bericht unter diesem link.

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