Welt : Kühler Blick, weite Perspektive

Hermann Rudolph

Vielleicht war er unter den Publizisten, die das vergangene halbe Jahrhundert begleitet haben, die stärkste Potenz. In den fünfziger Jahren bildete Rüdiger Altmann zusammen mit Johannes Gross ein brillantes Gespann, das die Bundesrepublik, die sich gerade der Nachkriegszeit entwand, intellektuell aufzumischen suchte: "Die neue Gesellschaft" hießen - mit einem Unterton von Ironie - die Aufsätze, die beide noch als Marburger Studenten in die Welt setzten. Sein "Das Erbe Adenauers", 1960 erschienen, war dann ein großer Wurf - noch immer die brillanteste Analyse dieser Epoche, übrigens mehr ihrer Schwächen als ihrer Stärken. Dann las man über Jahre hinweg fast nur Aufsätze von ihm - Analysen von einer eigentümlich gedrungenen Kraft, mit kühlem Blick und weit ausholenden Perspektiven. Merkwürdigerweise stand er zeitweise Ludwig Erhard nahe, für den er die Formel von der "formierten Gesellschaft" erfand. Keiner erfasste später, in den siebziger Jahren, so genau wie er den tief greifenden Formwandel der Politik, bei dem sich Modernisierung und Bürokratisierung verbanden. In den späten achtziger Jahren nochmals ein großer Anlauf: "Der wilde Frieden. Notizen zu einer Theorie des Scheiterns" - ein Buch voller Abgründe. Altmann hatte noch bei Carl Schmitt gehört, bei Wolfgang Abendroth promoviert, und verbrachte den größten Teil seines Berufslebens in den Diensten des Industrie- und Handelstags. Ein große Gestalt, auch wenn es, vielleicht, nicht alle gemerkt haben. Jetzt ist Altmann, 77 Jahre alt gestorben.

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