Welt : Künstliche Intelligenz: Wenn Roboter zu sehr lieben

Bas Kast

In "A.I.", Steven Spielbergs neuem Film, baut die Firma "Cybertronics Manufacturing" einen Roboter, der denken, lieben, träumen kann. "A.I." heißt "Artificial Intelligence" - Künstliche Intelligenz (KI). Und David heißt der synthetische Junge mit den echten Gefühlen, ein Pinocchio im Computerzeitalter auf der Suche nach Liebe.

Als "A.I." vor einigen Wochen in den USA in die Kinos ging, kam den Redakteuren von "Wired", dem US-Magazin mit festem Draht zur Zukunft, prompt eine Idee: Warum nicht die Probe aufs Exempel machen und einen KI-Experten ins Kino einladen, um "den Burschen anschließend mit Fragen zu bombardieren, was an dem Streifen plausibel und was davon blanker Unsinn ist"?

Forscher arbeiten daran

Eine gute Idee, doch der Versuch scheiterte. "A.I." hinterließ den Computerfreak, Philip Klahr, der KI-Systeme für das E-Commerce-Unternehmen "The SoftAd Group" entwickelt, ratlos. "Wurde ein bisschen doof gegen Ende hin", meinte der Experte als der Vorhang gefallen war. "Naja, Einiges davon ist sicher möglich. Schließlich ist alles möglich, oder?" Ist für diese Analyse, schoss es dem "Wired"-Autor nicht ganz zu Unrecht durch den Kopf, eine Promotion in KI wirklich unabdingbar?

Eigentlich hätten es die "Wired"-Redakteure besser wissen müssen. Der Grund für die Verzweiflung des KI-Mannes liegt auf der Hand. Jemand, der für eine Softwarefirma "intelligente" Systeme programmiert, befindet sich in der Regel nicht auf der Suche nach Liebe, sondern nach Lösungen. Sein Tagesablauf wird von Problemen dominiert, die kopf- statt herzzerbrechend sind. Klahr verbringt seine Zeit zum Beispiel damit, für Shopping-Webseiten einen "intelligenten" Verkäufer-Homunkulus zu bauen, der surfenden Kunden zur Seite steht, sie berät, Kaufempfehlungen abgibt, vielleicht sogar mit ihnen feilscht. Eine echte Herausforderung sogar für Profi-Programmierer!

Auch die meisten anderen KIs ähneln den mechanischen Menschen in "A.I." nicht gerade. Es sind Industrieroboter, so genannte Expertensysteme. Fließbandarbeiter, die sehr präzise, sehr schnell und sehr dumm sind. Warum haben diese Maschinen so wenig Ähnlichkeit mit David in Spielbergs "A.I."?

Die Antwort ist einfach: Für das Einschrauben von Muttern in einen BMW Z3 braucht man keinen IQ von 180. Es ist auch nicht nötig, darüber Bescheid zu wissen, was ein Auto ist. Und die Liebe würde diesen Robotern, die 24 Stunden am Tag mit immergleicher Konzentration arbeiten können, nur stören.

Und dennoch gibt es tatsächlich eine kleine, ehrgeizige Gruppe von KI-Experten, deren Ziel es ist, "humanoide", menschenähnliche Maschinen zu bauen. Das weltweit anspruchsvollste Projekt ist "Cog" (Cognition) von Rodney Brooks, dem Leiter des KI-Instituts vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge bei Boston. Übliches Programmieren, meint Brooks, ist der falsche Weg, um zu menschenähnlicher Intelligenz zu gelangen. Auch wir Menschen werden schließlich erst menschlich und intelligent durch Erfahrung, durch den Kontakt mit anderen Menschen.

Deshalb haben Brooks und sein Team einen Robotertorso gebaut mit Kameras als "Augen". Kommt jemand vorbei, kann Cog Augenkontakt mit dieser Person aufnehmen. Cog hat Arme, mit denen er Objekte greifen kann. Mit den "Augen" kann Cog die Gegenstände "studieren". Im Grunde ist Brooks Projekt ein Kinderspiel: Cog soll wie ein Kind zur Intelligenz erzogen werden. "Ich bin, also denke ich", lautet Brooks Motto.

Für Brooks setzt menschenähnliche Intelligenz somit einen menschenähnlichen Körper voraus. KI-Experte Douglas Lenat in Texas geht einen anderen, direkteren Weg. Woran er arbeitet, ist das wohl größte Programmiervorhaben der Geschichte: Tag für Tag füttern Lenat und sein Team eine Maschine namens "Cyc" (Encyclopedia) mit banalen Fakten, die jeder Mensch bewusst oder unbewusst kennt. Intelligenz - für Lenat ist das eine Sache von mehreren Millionen Wissenseinheiten. Im Gegensatz zu den Expertensystemen am Fließband, soll die Welt von Cyc gerade nicht auf das Einschrauben von Muttern beschränkt sein, im Gegenteil: Lenats Maschine soll über "gesunden Menschenverstand" verfügen. Zu diesem gesunden Menschenverstand gehört etwa auch das Faktum, dass, wenn Gerhard Schröder in Berlin ist, auch sein rechter Fuß in Berlin ist. Oder dass Hunde bellen und beißen können, es sei denn, es handelt sich um einen Stoffhund.

Was sich für uns wie Selbstverständlichkeiten anhört, sind Dinge, die einem Computer Stück für Stück beigebracht werden müssen. Denn in unserem Hirn ist dieses Wissen letztlich genauso abgespeichert - auch wenn wir fast nie bewusst darüber nachdenken.

Roboter mit Gefühl schon jetzt machbar

So zeigt die KI, wie kompliziert gerade das Alltägliche ist. "Wir entdeckten, dass die Dinge, die Menschen für einfach halten, in Wirklichkeit sehr schwer sind", sagt Marvin Minsky, der "Papst" der KI vom MIT. "Umgekehrt erschienen die schweren Sachen als einfach."

Bereits in den 50er Jahren konnten KIs Integralrechnungen knacken, an denen talentierte MIT-Studenten scheiterten. "Aber Gehen, eine Sprache lernen - all diese Fähigkeiten, die wir schon von Kindern erwarten, das schaffen die heutigen KIs und Roboter immer noch nicht", sagt Minsky.

Inzwischen aber ist es verschiedenen Teams gelungen, Robotern das Gehen einigermaßen beizubringen. "P3" etwa, eine Maschine der japanischen Firma Honda, kann schon erstaunlich gut alleine gehen. P3 sieht aus wie ein kleiner Astronaut: weiß, 1 Meter 60 groß, 130 Kilogramm schwer. Sogar das Treppen steigen gelingt ihm. Honda hat kürzlich einen Nachfolger vorgestellt, "Asimo", der kleiner und leichter ist als P3. Und: Asimo verfügt über Finger - die Maschine könnte so das Vorläufermodell eines Serviceroboters für den Haushalt sein.

Und die Liebe? Werden Maschinen jemals Gefühle entwickeln? Marvin Minsky, das enfant terrible der KI-Zunft, kann die Frage nicht ausstehen. "Ein Thermostat stellt die Emotion einer bestimmten Temperaturerwärmung dar", sagt er. Gefühle hält er für überschätzt, für etwas, das sich problemlos programmieren ließe. In Wirklichkeit werden wir wohl nie wissen, was in einem Roboter vorgeht. "Wenn die Ingenieure ein schlechtes Gewissen haben, dem Roboter den Strom abzustellen", sagt Cog-Vater Brooks, "haben wir unser Ziel erreicht."

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