Welt : Küssen verboten

Susanne Güsten

Schüler und Studenten haben frei, die Armee ist in Alarmbereitschaft, und die Regierung rät vom Küssen ab: Ein mysteriöses Virus grassiert in Griechenland und wirbelt das öffentliche Leben durcheinander. Drei Todesfälle und rund 30 weitere Erkrankungen werden bereits dem geheimnisvollen Erreger zugeschrieben, der zunächst grippe-ähnliche Symptome verursacht und dann eine potenziell tödliche Herzmuskelentzündung auslösen kann.

Um weiteren Ansteckungen vorzubeugen, ließ das griechische Gesundheitsministerium alle Kindergärten, Schulen und Universitäten bis auf weiteres schließen, während Mediziner fieberhaft an der Identifikation des Erregers arbeiteten. Vor Krankenhäusern und Kliniken bildeten sich stellenweise Schlangen von besorgten Patienten.

Gesundheitsminister Alekos Papadopoulos appellierte an die Bevölkerung, nicht in Panik zu verfallen, als er auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Dienstagabend die Notmaßnahmen bekannt gab: Alle Bildungseinrichtungen bleiben zunächst bis zum Wochenende geschlossen; weil dann die zweiwöchigen Ferien zum griechisch-orthodoxen Osterfest beginnen, ist praktisch bis Mitte Mai schul- und seminarfrei. Die Krankenhäuser sind in erhöhter Alarmbereitschaft, um einen möglichen Ansturm von Patienten bewältigen zu können; zusätzliches medizinisches Personal steht bereit.

Warnung vor Bussen und Bahnen

Alle Militärmanöver sind abgesagt, die Streitkräfte gegen eine Verbreitung des Virus in ihren Reihen mobilisiert. Die einzelnen Bürger rief der Gesundheitsminister auf, geschlossene Räume mit größeren Menschen-Ansammlungen zu meiden und besonders streng auf die persönliche Hygiene zu achten: Vermehrtes Händewaschen und erhöhte Vorsicht bei der Nahrungszubereitung sind demnach anzuraten, vom Küssen und Händeschütteln ist abzuraten.

Darüber hinaus raten die Behörden den Bürgern, vorerst Kinos, Bars und Discotheken sowie überfüllte öffentliche Verkehrsmittel zu meiden und sich regelmäßig die Hände zu waschen. Nach Rundfunk-Meldungen gingen einige Athener am Mittwoch zu Fuß zur Arbeit und mieden die Fahrt mit der U-Bahn.

Noch ist nicht klar, ob es sich um eine große Massenhysterie handelt, oder wirklich Gefahr im Verzug ist. Das Virus ist nicht bekannt. "Mysteriöses Virus", diese Worte sind gut geeignet, Hysterie auszulösen. Einige Ärzte kritisieren das Vorgehen der Regierung. "Es ist politisch korrekt, aber medizinisch falsch und übertrieben", sagte ein Mediziner im Radio. "Ich bin verpflichtet, auf Nummer Sicher zu gehen", antwortete der Gesundheitsminister.

"Es handelt sich um vorbeugende Maßnahmen", sagte Papadopoulos. "Wir rufen die Bürger auf, ruhig zu bleiben und Übertreibungen zu vermeiden." Auf die Nachfrage, ob eine Seuche zu befürchten sei, musste der Minister jedoch einräumen: "Im Prinzip ja." Allerdings müssten die Spezialisten vom Seuchenkontrollzentrum KEEL zunächst klären, ob alle Erkrankungen tatsächlich vom selben Virus verursacht worden seien, um einen Zufall auszuschließen. Das KEEL arbeitete am Mittwoch unter Hochdruck an der Aufklärung der Krankheit und zog dazu auch Spezialisten für Kardiologie hinzu. Ein Ergebnis der Untersuchungen lag zunächst nicht vor, doch tippten Experten auf den so genannten Coxsackie-Virus, der weltweit verbreitet ist und außer dem Verdauungstrakt auch die Atemwege befällt.

Der Coxsackie-Virus gilt als Auslöser einer Epidemie in Malaysia vor fünf Jahren, in deren Verlauf mehr als 20 Kinder starben. Die Vorfälle in Malaysia lösten damals in diesem Land Panik aus. Urlauber wurden aufgefordert, nicht in das Land zu reisen. Hinterher stellte sich heraus, dass es sich gar nicht um das Coxsackie-Virus handelte. Das Cocksackie-Virus kann bei Kindern einen qualvollen Tod auslösen.

Die griechische Regierung besänftigt. Kinder seien im vorliegenden Fall nicht besonders gefährdet, betonte Gesundheitsminister Papadopoulos in Athen. Sie kämen allerdings als Überträger des Erregers in Frage, was die Schließung der Schulen notwendig mache. Bei den drei Todesopfern des Virus handelt es sich durchweg um Erwachsene, zwei Frauen auf der Insel Kreta und eine weitere Frau in Ioannina im Nordwesten des Landes. Von den übrigen Erkrankungsfällen, in denen Grippe-Symptome in Herzmuskelentzündungen übergingen, wurden 13 in Athen verzeichnet, die übrigen verteilten sich über fast ganz Griechenland, einschließlich der Inseln; nur in vier Fällen waren Kinder betroffen.

Schlangen vor den Krankenhäusern

Dennoch füllten sich die Warteräume von Krankenhäusern und Kliniken im ganzen Land rasch mit besorgten Eltern, die ihre Kinder untersuchen lassen wollten. "Wir haben aber noch keinen Fall des Virus darunter diagnostiziert", sagte der Direktor eines Athener Kinderkrankenhauses einer griechischen Zeitung. "Die Leute kommen vor allem vorsorglich." Auch ins nahe Ausland breitete sich die Besorgnis aus. Die zyprische Fluggesellschaft Cyprus Airlines verzeichnete bereits Stornierungen von Flügen nach Griechenland. Auch mehrere zyprische Schulen sagten geplante Oster-Ausflüge nach Griechenland ab.

Erst wenige Stunden vor dem spektakulären Auftritt des Gesundheitsministers hatte ein Regierungssprecher noch erklärt, es bestehe kein Anlass zur Sorge. Entsprechend kritisch reagierte die Opposition nach der Bekanntgabe der Präventiv-Maßnahmen.

Die Angelegenheit sei anfangs falsch eingeschätzt und falsch angegangen worden, beschwerte sich der Oppositionsabgeordnete Nikitas Kaklamanis im Rundfunk. Die Schließung von Schulen und Universitäten fand allerdings die Unterstützung der Opposition.

Offen war am Mittwoch noch, ob angesichts der Seuchengefahr ein für Anfang kommender Woche angekündigter zweitägiger Streik der Ärzte an öffentlichen Krankenhäusern abgesagt wird. Ein solcher Streik fände in dieser Situation nur wenig verständnis in der Bevölkerung, hieß es.

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