Welt : Kunst – künftig hinter Panzerglas?

Wie sich Museen schützen können: von bewaffneten Wärtern bis hin zur Satellitenüberwachung

Andreas Oswald

Können Ausstellungsbesucher künftig wertvolle Gemälde nur noch hinter Panzerglas betrachten? Stehen am Eingang bewaffnete Wärter mit Kampfausbildung, die Maschinenpistole im Anschlag?

Das wird teuer. Und ungemütlich.

Früher stiegen Diebe nachts in Museen, schlugen ein Fenster ein, holten das Bild, auf das sie es abgesehen hatten, und verschwanden, bevor die alarmierte Polizei kam. Dass in Oslo Bewaffnete eine Wärterin zwangen, die Bilder auszuhändigen, lässt eine völlig neuen Situation entstehen: Museen werden zu Objekten von Überfällen wie sonst nur Banken. Aber kann man ganze Museen sichern wie den Kassenschalter einer Bank? Es ist schon merkwürdig, dass in einigen Museen doch tatsächlich der Kassenbereich mit Panzerglas gesichert ist, nicht aber der wertvolle Bilderbestand, der dort hängt.

Was die Museen der Welt nach dem Überfall von Oslo tun werden, verraten sie nicht. Aus Ratlosigkeit? Was könnten sie tun? „Panzerglas wie bei der ,Mona Lisa’ im Louvre muss ein Einzelfall bleiben“, sagt Ilka Erdwiens von der Kunsthalle in Emden, die ab 2. Oktober eine Edvard-Munch-Ausstellung plant. „Wenn Besucher die Gemälde nur noch hinter Panzerglas betrachten können, ist die Idee des Museums zerstört. Der Besucher kommt, um ein wertvolles Original aus der Nähe zu sehen.“ Gehe dieser Reiz verloren, würden die Besucher fortbleiben, befürchtet Erdwiens.

Was auf die Besucher zukommt, lässt sich bisher nur erahnen. Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Michael Eissenhauer, bat gestern Besucher schon einmal um Verständnis für Sicherheitsvorkehrungen der Museen. „Ein Hochsicherheitstrakt kann keine Antwort sein“, sagt Ulli Seegers, die Leiterin des Kölner Art Loss Registers. „Dann verlieren die Menschen die Lust.“ Das Art Loss Register mit Hauptsitz in London ist ein Unternehmen, das in Zusammenarbeit mit Fahndern der Polizeibehörden weltweit gestohlene oder geraubte Kunst aufspürt. Seegers plädiert für nicht sichtbare Microchips an Gemälden, die Alarm auslösen und jederzeit per Satellit anzeigen, wo sich das Werk gerade befindet. „Das kostet viel Geld“, sagt sie. Dafür wäre es eine Maßnahme, die den Genuss des Ausstellungsbesuches nicht beeinträchtigen würde.

Andere Maßnahmen kosteten ebenfalls viel Geld. Das gilt für Panzerglas ebenso wie für bewaffnetes Sicherheitspersonal. Wie kurz berichtet, verfügt das Metropolitan Museum in New York über solches Personal. Um die Atmosphäre nicht zu sehr zu beeinträchtigen, könnten Sicherheitsleute in Zivil gekleidet sein und ihre Waffen versteckt tragen.

Das Beste wäre, die Artnapper, wie die Täter immer häufiger genannt werden, hätten keine Chance, ihre Beute zu Geld zu machen. Bei bekannten Werken, die nicht auf dem Kunstmarkt verkauft werden können, bleibt ihnen nur die Lösegeldforderung. Die kommt nicht immer als solche daher. Oft wird eine „Belohnung“ ausgelobt, sagt Ulli Seegers vom Art Loss Register. Als Beispiel nannte sie das vor drei Jahren in Köln gestohlene Lenin-Portrait von Andy Warhol. Damals habe die Versicherung, in deren Auftrag das Art Loss Register arbeitete, eine Belohnung ausgesetzt. Wie erwartet, legten es die Täter auf die Belohnung an, und es kam nach Verhandlungen zu einer Übergabe des Werks in einer Anwaltskanzlei. So half das Art Loss Register der Versicherung, an das Bild heranzukommen, für das sie bereits eine Versicherungsleistung erbracht hatte. Die Täter wurden nicht gefasst, aber die Versicherung war aus dem Schneider.

Auch nach dem Raub des „Schreis“ und der „Madonna“ von Edvard Munch in Oslo ist das Art Loss Register beratend tätig, sagt Seegers. Da die Bilder nicht versichert sind, haben das Museum und die Stadt Oslo den Schaden. Von einer Lösegeldforderung ist bisher nichts bekannt. Aber die Täter könnten damit rechnen, dass eine „Belohnung“ ausgesetzt wird. Das hat für das Museum den Vorteil, dass der Begriff „Lösegeld“ nicht ins Spiel kommt und nicht der Eindruck entsteht, man sei erpressbar. Am Ende haben alle etwas davon. Die Täter haben das Geld, das Museum hat die Bilder wieder – und das Art Loss Register bleibt mit seinem Kampf gegen das Verbrechen im Geschäft.

Das Munch-Museum in Oslo war gestern wieder geöffnet. Es besitzt noch eine zweite Version des „Schreis“. Die bleibt aber vorerst im Schrank.

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