Kunstfigur : Helmut Fritz: Genervt vom Champagner

Ein geheimnisvoller deutscher Dandy stürmt mit Kritik an Pariser Schickeria die französischen Charts. Seine Songs mit gnadenlosem deutschem Akzent haben ihn zu einer Kultfigur gemacht.

Andrea Nüsse
Fritz
Spiel mit Identitäten. Der deutsche Sänger Helmut Fritz ist in Wirklichkeit eine Kunstfigur, geschaffen von einem DJ und...Foto: dpa

Er ist nicht zu überhören. Auf allen französischen Radiosendern erschallt der Song „Ça m’énerve“ („Das nervt mich“). Es ist der französische Sommerhit des Jahres 2009. Wochenlang auf Platz eins der französischen Charts begeistern vor allem die sarkastischen Texte, die dank eingängigem Disco-Beat zu Ohrwürmern geworden sind. Darin nimmt der Sänger die Pariser Schickeria und den Modekult der Pariser Jugend aufs Korn – ihn „nerven“ die Mädels, die sich in „Slim“-Jeans der Größe 34 pressen und einen Pony à la Kate Moss tragen. Aber auch jene, die Champagner schlürfen und im exklusiven Nachtclub „Milliardaire“ nahe den Champs-Elysées ihr Geld verprassen. Oder die im Café Costes, vom Stardesigner Phillippe Starck entworfen und eingerichtet, Schlange stehen und sich von arrogantem Personal heruntermachen lassen. Dagegen begehrt Helmut Fritz musikalisch auf – mit gnadenlosem deutschen Akzent. Denn Helmut Fritz stammt laut offizieller „Biografritz“ auf seiner Website aus Reinbek bei Hamburg, „wo es nichts Interessantes gibt“.

Mit seinem dandyhaften Aussehen, den karierten Anzügen und goldenen Schuhen, der getönten Brille ist der Unsympath Helmut Fritz zu einer Kultfigur der Jugend geworden. Mit seiner Nörgelei an Champagner und Markenklamotten scheint er in der Wirtschaftskrise den Zeitgeist zu treffen. Ältere Franzosen dagegen debattieren ernsthaft darüber, wie weit es mit der deutsch-französischen Freundschaft doch gekommen ist, dass ein Deutscher sich ungestraft mit Zigarre als Ludwig XIV. abbilden lässt und Lieblingsinstitutionen der Pariser wie die berühmte Edelpatisserie „Ladurée“ samt ihren vergötterten Makronenplätzchen durch den Kakao zieht. Die Jugend amüsiert sich im Internet über den „witzigen Akzent“ und streitet darüber, was das Wort „Scheiße“ bedeutet, das als einziger deutscher Begriff vorkommt. Denn noch immer haben nicht alle mitbekommen, dass Helmut Fritz eine Kunstfigur ist – geschaffen von dem französischen DJ und Produzenten Laurent Conrad und verkörpert von dem unbekannten französischen Sänger Eric Greff.

Von Eric Greff weiß man nur, dass er 1975 geboren wurde und aus Béning-lès-Saint-Avold in Lothringen kommt. Dafür ist der Werdegang seines Alter Ego umso schillernder: Laut seiner Website ist Helmut Fritz bescheiden aufgewachsen, seine Eltern hatten eine kleine Pulloverfabrik. Als dann 1998 sein Großonkel Titten von Fritz bei der Jagd von einem Wildschwein überrannt und getötet wird, erbt der junge Helmut 300 Millionen „Deutschmark“. Auf einer gebrauchten Vespa zieht er nach Paris und verprasst dort sein Geld auf Haute-Couture-Modeschauen, in Edelrestaurants und Nachtclubs. Bis ihn 2009 eine tiefe Sinnkrise überfällt, aus der in Zusammenarbeit mit Laurent Conrad im März der Song „Ça m’énerve“ entsteht. Aus der Therapie für den vermeintlichen Dandy geht ein Hit hervor.

Eric Greff spielt auch in Interviews seine Rolle als Helmut Fritz weiter. Einmal erklärt er, nach seinem Hit sei in Reinbek eine Brezel nach ihm benannt worden. Ein anderes Mal beschreibt er, wie die Leute bei mondänen Partys nur schauen, ob man eine platinfarbene oder blaue Kreditkarte benutze, um den wirklichen Reichtum einzuschätzen. Auf die Frage eines französischen Journalisten, ob er der „politischen Strömung Angela Merkels“ nahestehe, antwortet er, er stehe der „Electro-Richtung“ nahe. Selbst in Talkshows im französischen Fernsehen tritt Greff weiter als Helmut Fritz auf – der augenzwinkernde Moderator spielt das Spiel mit. Nur selten fällt Greff aus seiner Rolle. In einem Interview im belgischen Internetportal „7 sur 7“ erklärt Greff, dass es leichter ist, im Schutz einer Kunstfigur die oberflächliche Welt der Schönen und Reichen zu parodieren. Dass er bisher musikalisch wenig erfolgreich war und sich vor sechs Monaten noch fragte, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Und dass er die Musiker Robbie Williams und Axl Rose verehrt.

Sein Produzent Laurent Conrad hatte im vergangenen Sommer bereits „Discobitch“ erschaffen, um die Partygesellschaft auf die Schippe zu nehmen. Doch damals blieb es bei einem einzigen Sommer-Hit. Eric Greff alias Helmut Fritz dagegen hat im Juni sein Album „En observation“ herausgebracht und mit seinem Song „Miss France“ auch schon wieder die französischen Charts gestürmt – auf Platz neun. In dem Lied macht er sich lustig über die Mädchen, die vom großen Ruhm träumen und dann in Supermärkten Autogramme geben und auf Landwirtschaftsmessen auftreten. Im Video heißen seine Models „Miss Wetter“ und „Miss Camping“.

Die langjährige Veranstalterin der Miss-France-Wahlen, Geneviève de Fontenay, findet das wenig lustig und scheint in ihrem Nationalstolz verletzt. In Interviews forderte sie den vermeintlichen Deutschen auf, „er sollte sich lieber um seine Miss Deutschland kümmern“. Andersherum reagiert auch die Bild-Zeitung irritiert auf den vermeintlichen Deutschen. „Uns wird er vorerst nicht nerven“, triumphiert das Blatt. In Deutschland werde seine Musik bis auf Weiteres nicht veröffentlicht.

In Frankreich und Belgien will Eric Greff noch eine Weile als Helmut Fritz auf seiner Erfolgswelle reiten. „Eines Tages werde ich die Kleider von Helmut ausziehen“, sagt Greff. Entweder werde Helmut nach Deutschland zurückkehren oder sterben.

www.helmut-fritz.com

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