Welt : Kunzelmann tritt gegen Diepgen an

GERD NOWAKOWSKI

Ein "Scheintoter" kehrt zurück - und zwar als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters.Auch das programmatische Wahlkampf-Motto steht für Dieter Kunzelmann, der am 1.April 1998 per Zeitungsanzeige seinen Freitod verkündete, bereits fest: "Eine Leiche tritt gegen die anderen Leichen an".Der notorische Politprovokateur lebt seit einigen Wochen wieder in Berlin, wird von dem Kabarettisten Dr.Seltsam bestätigt.

Der Zeitpunkt für die Wiederkehr des einstigen Gründers der Kommune 1, Ex-Maoisten und ehemaligen Berliner Grünen-Abgeordneten ist genau gewählt.Um an der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 10.Oktober antreten zu können, war eine schriftliche Einverständniserklärung des Kandidaten nötig, erklärt Dr.Seltsam - für einen "Toten" kaum zu machen.Mit der Kandidatur für die Spaßanarchisten der "Kreuzberger Patriotischen Demokraten/Realistisches Zentrum" (KPD/RZ) will Kunzelmann vor allem Eberhard Diepgen ärgern.Den verfolgt er seit Jahren mit Eierwürfen und Schmähungen.Bei seinem besessenen Kleinkrieg nutzte der persönlich sehr schwierige Politclown sogar eine Gerichtsverhandlung, um dem Regierenden Bürgermeister ein Ei an den Kopf zu werfen.

"Ich freue mich sehr über seine Rückkehr", sagt "Dr.Seltsam", der mit bürgerlichem Namen Wolfgang Kröske heißt.Der Kontakt mit dem Alt-Anarchisten, den Journalisten nach seinem "Ableben" mal in Island, mal in Südschweden oder Italien vermuteten, sei über das Internet hergestellt worden.Wo Kunzelmann das letzte Jahr verbrachte, soll weiter sein Geheimnis bleiben.Er habe in einem südeuropäischen Land gelebt, erklärte Kunzelmann gegenüber dem Stern-Journalisten Werner Mathes: "Es haben mich prominente Menschen aufgenommen und finanziert, die keinen Wert darauf legen, daß irgendwann ihre Namen herauskommen."

Der notorische Querulant Kunzelmann soll irgendwo in Ost-Berlin eine Wohnung haben.Bislang halte er sich noch verborgen.Bei engeren Freunden habe er sich aber gemeldet, insbesondere bei jenen, die an seinen Freitod glaubten und ernsthaft trauerten.Dazu gehört die Lehrerin Carola Wagemann, die seit 20 Jahren mit Kunzelmann befreundet war.Zum Zeitpunkt seines "Todes" war er bei ihr polizeilich gemeldet.Nachricht aber hat sie nicht erhalten."Ich glaube das erst, wenn ich ihn sehe", sagt sie.

Der Stern-Mitarbeiter Werner Mathes will Kunzelmann leibhaftig getroffen haben - auf dem Friedhof Stralau zu einem Interview.Das vergangene Jahr sei die "schönste Zeit seines Lebens" gewesen, habe Kunzelmann zu Protokoll gegeben.Meldungen über eine schwere Krankheit habe er selbst in die Welt gesetzt, um seinen Freitod plausibler zu machen, soll der geborene Franke erzählt haben, der als Berufsbezeichnung vor Gericht "Aktionspolitologe" anführt.Er wolle sich am 14.Juli - seinem 60.Geburtstag - der Polizei stellen, um seine Haftstrafe anzutreten, kündigt Kunzelmann in dem Interview an, das morgen erscheinen soll.Der Reichstag sei "eine schöne Bühne für eine spektakuläre Aktion", hat Dieter Kunzelmann angekündigt.Am Sonntag wird dort der neue Bundespräsident gewählt.Kunzelmann: "Vielleicht komme ich als Dagmar Schipanski, die für die CDU/CSU antritt - schauen Sie bitte genau hin."

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