Kuriose Übungen nordkoreanischer Piloten : Steigflüge im Spielzeugjet

Seltsame Praktiken bei der Ausbildung von nordkoreanischen Piloten lösen in Südkorea Heiterkeit aus – doch das Regime von Kim Jong Un ist wahrlich kein Spaß. Um seine Macht zu festigen, geht er rigoros vor.

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Zur Schau gestellte Fröhlichkeit. Auf offiziellen Fotos – wie diesem vom Besuch einer Fischfarm – gibt sich Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un als leutseliger Geselle. Im Hintergrund aber entfaltet er ein brutales Machtsystem.
Zur Schau gestellte Fröhlichkeit. Auf offiziellen Fotos – wie diesem vom Besuch einer Fischfarm – gibt sich Nordkoreas Staatschef...Foto: AFP/KCNA via KNS

Theoretisch könnte es eine ganz normale Übung sein, die nordkoreanische Kampfpiloten vor den Augen des Diktators Kim Jong Un ausführen: Paarweise üben sie Sink- und Steigflüge, sie tragen Militärhosen und Lederjacken. Nur ein nicht unwichtiges Detail stimmt ganz und gar nicht: Die Piloten sitzen nicht in einem Militärflugzeug oder einem Flugsimulator. Stattdessen üben sie den Formationsflug, in dem sie paarweise in gebückter Haltung über eine auf den Boden gemalte Landkarte schreiten – und kleine Spielzeugflugzeuge in ihren Händen halten.

Zwei Videos des nordkoreanischen Staatsfernsehens existieren von der seltsamen Pilotenausbildung in dem hermetisch abgeriegelten Land. In Südkorea, das von Nordkorea militärisch bedroht wird, haben diese Aufnahmen zu Jahresbeginn Heiterkeit ausgelöst, wie die Webseite „NK News“ berichtet. „Diese Bilder beruhigen mich“, sagte der südkoreanische Fernsehkommentator des Senders „Channel A“ und spekuliert über den womöglich rückständigen Zustand der nordkoreanischen Luftwaffe. Zumal ein Video nordkoreanische Flugsimulatoren zeigt, die an Videospiele in den westlichen Spielhallen der 80er Jahre erinnern.

Video der nordkoreanischen Flugübungen (ab Minute 45:45)

In Nordkorea verteidigte laut „NK News“ ein Sprecher die kuriose Militärübung mit Spielzeugjets. Die Spötter in Südkorea seien „ahnungslose Tölpel“, sagte er, die Übungen seien „weltweit Teil der Pilotenausbildung“. Doch zumindest in der Bundeswehr gibt es derartige Visualisierungsübungen nicht, wie ein Sprecher der Luftwaffe bestätigt. „Wir üben lediglich manchmal an einem Flughafenmodell, damit die Piloten ein Gefühl für den Start- und Landeverkehr bekommen“, sagt der Sprecher. Dabei stünden die Piloten um das Modell herum und beobachteten den Verkehr. Der Luftwaffensprecher vermutet einen anderen Grund hinter den nordkoreanischen Übungen: „Es dürfte um die Ersparnis von Spritkosten und Infrastruktur gehen.“

Tatsächlich gibt es in dem verarmten und vom Wirtschaftsboykott betroffenen Land erhebliche Versorgungsengpässe. Das betrifft neben Nahrung – in den 90er Jahren starben wohl bis zu eine Millionen Menschen an Hungersnöten – auch die Energieversorgung. Das zeigt auch der Blick aus dem Weltraum. Nordkorea ist auf nächtlichen Satellitenbildern inmitten der ostasiatischen Boomregionen China und Südkorea gut zu erkennen: als schwarzer Fleck. Die schlechte Versorgungslage betrifft auch das Öl, das Nordkorea importieren muss. „Wenn man sich die Energiebilanz der vergangenen Jahre ansieht, dann ist dort nicht viel Flugbenzin vorhanden“, sagt David von Hippel vom Nautilus Institut für Sicherheit und Nachhaltigkeit gegenüber „NK News“.

Womöglich fand sogar Diktator Kim Jong Un die Flugübungen ein wenig seltsam. Auf einem der Bilder sieht man ihn kräftig lachen. Solche Motive täuschen allerdings über den wahren Charakter seiner Schreckensherrschaft hinweg: Erst im April soll Kim Jong Un seinen Verteidigungsminister Hyon Yong Chol hinrichten lassen haben – wegen angeblichen Ungehorsams. Auch soll er bei einer Sitzung in Kims Anwesenheit eingeschlafen sein. Es wäre ein Beleg für die mögliche Absicht des jungen und unerfahrenen Kims, seine Macht durch eine Atmosphäre der Angst abzusichern. Für Kommentatoren in Südkorea war die mutmaßliche Exekution des 66-jährigen Hyon eine Überraschung. Am 29. April war er noch in den Staatsmedien erwähnt worden. Um den 30. April soll er vor Zuschauern hingerichtet worden sein, teilte Südkoreas Geheimdienst NIS dieser Tage mit.

Ein Exekutionskommando in Pjöngjang habe dabei eine Flugabwehrwaffe benutzt.  „Die Informationen klingen glaubwürdig“, sagt der Forscher des Korea-Instituts für Nationale Vereinigung in Seoul, Park Hyeong Jung. Der NIS würde sich lächerlich machen, wenn die Angaben nicht stimmen sollten. Auf welche Quellen sich die Geheimdienstler stützen, blieb unklar. Auch eine Bestätigung von Nordkorea gab es nicht.

Nach Angaben des in den USA angesiedelten Komitees für Menschenrechte in Nordkorea (HRNK) sei auf Satellitenbildern zu erkennen, dass eine andere Exekution im Oktober in Nordkorea auf die gleiche Weise ausgeführt wurde. Dabei soll ein Flugabwehrmaschinengewehr mit Reichweite von 8000 Metern auf die Zielperson oder Zielpersonen in 30 Meter Entfernung gerichtet worden sein. (mit dpa)

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