Welt : Kursk-Bergung: Katastrophen-Management auf Russisch

Lothar Deeg

Niemand wollte so recht daran glauben - aber das Wrack des U-Bootes "Kursk" traf am Mittwoch wohlbehalten vor Murmansk ein. Bevor die Leichen der Besatzung, die zwei Atomreaktoren und 22 scharfe Marschflugkörper aus der gewaltigen Stahlröhre entfernt werden können, steht allerdings noch einmal eine heikle technische Operation bevor: Zwei eigens angefertigte riesige Pontons müssen unter die holländische Bergungs-Barkasse "Giant-4" geschoben werden.

Erst dann kann sie ihre Fracht in das bereit stehende Schwimmdock absetzen. Das bedeutet noch einmal Zentimeterarbeit für die russischen und holländischen Spezialisten.

Auch wenn der Zeitplan für diese Operation bereits wegen technischer Schwierigkeiten und zusätzlicher Vorsichtsmaßnahmen um einige Tage nach hinten korrigiert werden musste - nach der geglückten Hebung und dem problemlosen Transport des Wracks durch die Barentssee in den Kola-Fjord zweifelt schon niemand mehr, dass auch dieser letzte Schritt gelingen wird. Die Kritiker sind verstummt. Das Wrack des russischen Atom-U-Boots "Kursk" soll nun erst nächste Woche in das Trockendock in Rosljakowo gewuchtet werden. Ursprünglich war der Beginn der Aktion auf Samstag angesetzt worden.

Selbst auf der Internet-Seite der norwegischen Umweltorganisation "Bellona" - dem schärftsten Wachhund der Öffentlichkeit auf den Atommüllhalden und Schiffsfriedhöfen der Nordmeerflotte - werden dieser Tage keine Bedenken gegen die gigantische Hauruck-Operation mehr geäußert. Nicht nur Bellona und die Medien, sogar Tauch- und Bergungsexperten der russischen Flotte hatten das innerhalb weniger Monate geplante und vorbereitete Bergungsmanöver als übereiltes Risiko und unverantwortbare Partie Russisches Roulette verdammt. Makulatur sind die Vorbehalte westlicher Fachleute, die eine solche Schiffshebung entweder als technisch unmöglich ausschlossen oder zumindest eine längere Vorbereitungszeit und noch höheren Aufwand prognostizierten.

Die russische Marineführung und ihre holländischen Partner straften die Bedenkenträger Lügen. Sie haben ihre vermeintliche Münchhausiade - die Hebung des Pferdes aus dem Sumpf am eigenen Zopf und anschliesend einen Ritt auf der Kanonenkugel - mit Bravour bewältigt.

Zwar gab es zu Anfang der Operation ähnlich viele Pannen und Verzögerungen wie seinerzeit bei den hilflosen Rettungsversuchen für die Kursk-Besatzung. Doch dann ging alles wunderbar glatt - selbst manche Probleme, die vom Bergungsteam einkalkuliert waren, blieben aus. Glück oder Lohn der technischen Perfektion?

Die wichtigste Nachricht ging allerdings zwischen den technischen Erfolgsmeldungen etwas unter: Weder an der Stelle, wo die "Kursk" lag, noch im Kielwasser des Schleppzuges wurde erhöhte Radioaktivität gemessen. Das Wrack war also dicht und blieb es während der Bergung auch. Wenn jetzt beim Abwracken nicht noch Unvorhergesehenes geschieht, ist das Umweltproblem "Kursk" gelöst.

Zweifellos wird dabei noch einmal ein gewisses Risiko eingegangen, denn die Demontage der Reaktoren ist technisches Neuland. Anders als die 113 zuvor von der Nordmeerflotte außer Dienst gestellten U-Boote ist der Havarist nicht mehr schwimmfähig und verfügt weder über eine Besatzung noch über funktionsfähige bordeigene Versorgungssysteme. Aber eine Katastrophe ist nach Ansicht russischer Nuklearexperten so gut wie ausgeschlossen - sie lassen als Unfall-Szenario höchstens eine Freisetzung verstrahlter Substanz im Rahmen des Trockendocks gelten. Im Unterschied zu den Ökologen atmen die Admirale der russischen Flotte deshalb jetzt schon auf - und das nicht wegen der bewahrten Reinheit der Fischgründe: Sie haben ihr mit Militärgeheimnissen gespicktes, verlorenes Boot wieder. Und die geglückte Bergung hat sie von der Schmach der Kursk-Katastrophe befreit. Sicher sind jetzt ein paar Orden fällig. Schließlich hat man Putins Versprechen, Boot und Besatzung zu bergen, fristgerecht erfüllt.

Trotz der umgekehrten Richtung erinnert die Kursk-Hebung an die Versenkung der Raumstation "Mir" im Frühjahr. Auch damals wurden allerlei Katastrophenszenarien ausgemalt. Doch dann klappte die Entsorgung auf die Sekunde genau nach Plan.

Offenbar können russische Ingenieure, wenn es darauf ankommt, auch ein Kamel durch ein Nadelöhr navigieren. Probleme hat man dagegen mit der tagtäglichen Anwendung und Beherrschung von komplizierter und potentiell gefährlicher Technik: Tschernobyl, die von ihren eigenen Torpedos versenkte "Kursk", dann der abgefackelte Moskauer Fernsehturm und zuletzt auch noch der von einer eigensinnigen Luftabwehrrakete sowjetischer Bauart vom Himmel geholte Tupolew-Jet. Die Reihe der unverzeihlichen Pannen droht sich weiter zu verlängern, solange die technischen Ressourcen aus der Sowjetzeit immer nur weiter benutzt, aber nicht mehr richtig gewartet und kontrolliert werden.

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