Welt : "Kursk"-Bergung: Tagelang unter Druck

Rainer W. During

Es wird eine der aufwendigsten und schwierigsten Bergungsaktionen, die es je gegeben hat. Sofern es die Wetterverhältnisse erlauben, soll am morgigen Donnerstag in der Barentsee mit der Hebung der "Kursk" begonnen werden. Schon mehrmals war die Aktion verschoben worden, angeblich wegen des Wetters.

Das russische Atom-U-Boot war am 12. August vergangenen Jahres vermutlich nach der Explosion eines Torpedos im Bug gesunken und hatte seine 118köpfige Besatzung in den Tod gerissen. 170 Millionen Mark soll die Bergungsaktion kosten.

Für die Hebung des in 108 Metern Tiefe liegenden, etwa 20 000 Tonnen schweren Wracks haben zwei niederländische Spezialfirmen ein Konsortium gebildet. Sie treiben einen beispiellosen Aufwand. Während Mammoet auf Schwertransporte spezialisiert ist, sind die Mitarbeiter von Smit International Experten in der Bergung von Schiffswracks. Mit den Taucharbeiten wurden die Tiefsee-Spezialisten der norwegischen DSND Subsea beauftragt. Grafik: Die Bergung der Kursk Die Kraftanstrengung ist ungeheuerlich. Von dem exakt über dem Wrack positionierten Tauchschiff "Mayo" werden die zwei Dutzend norwegischen, britischen und russischen Tiefseetaucher in zwei Tauchglocken zu dem Wrack hinabgelassen. In der großen Tiefe, bei Temperaturen um null Grad, werden ihre Spezialanzüge über Schlauchleitungen ständig durch heißes Wasser erwärmt. In den vergangenen Wochen haben sie 26 Löcher von je 70 Zentimetern Durchmesser in den Rumpf der "Kursk" geschnitten, an denen jetzt die Stahltrossen zur Hebung befestigt werden.

Taucher bekommen Piepsstimmen

Wegen des hohen Druckes, der in über 100 Metern Meerestiefe herrscht, müssen die Taucher "Heliox" atmen, eine Mischung aus Sauerstoff und Helium. Denn der in der normalen Atemluft enthaltene Stickstoff würde sie hier in einen Rauschzustand versetzen. Weil das Gas ihre Stimmen zu unverständlichen Donald-Duck-Tönen verzerrt, ist eine Verständigung mit der Einsatzleitung nur durch die Zwischenschaltung von Entzerrern möglich. Um überhaupt längere Zeit unter diesen Bedingungen arbeiten zu können, werden die Spezialisten auch in den Tauchglocken und in besonderen Räumen an Bord der "Mayo" jeweils zwei Wochen lang permanent unter dem Tiefseedruck gehalten. Die anschließende Dekompression dauert gut Tage, in denen der Druck allmählich wieder abgebaut wird.

Jeweils zwei Taucher waren in Sechs-Stunden-Schichten rund um die Uhr im Einsatz, um die Löcher an den von der russischen Marine und der "Kursk"-Werft "Rubin" vorgegebenen Stellen in den Rumpf zu schneiden. Als Werkzeug dienten ihnen sogenannte Water-Jets, die mit einem Schleifmittel versetzten, ein Millimeter dicken Wasserstrahl mit Hochdruck gegen den Schiffskörper schießen. Am 29. August waren diese Arbeiten abgeschlossen. Anschließend wurde der zerstörte Bug des U-Bootes mit den Torpedokammern durch eine ferngesteuerte Säge abgetrennt. Er soll erst später geborgen werden.

Parallel dazu ist in Amsterdam ein gigantisches Bergungsschiff ausgestattet und auf den Weg in die Barentsee gebracht worden. "Giant 4" ist ein 140 Meter langer und 36 Meter breiter Spezial-Ponton mit einer Öffnung in der Mitte, die bei der Hebung Platz für den aus dem Rumpf ragenden Kommandoturm der "Kursk" bietet. 26 Litzenheber verfügen über eine Hubkraft von jeweils 900 Tonnen. Nach einem Zwischenstopp im norwegischen Kirkenes soll "Giant 4" heute am Einsatzort eintreffen, wo die Taucher am Montag die letzten Vorbereitungen an den Rumpflöchern für die Aufnahme der Bergungstrossen getroffen haben.

Jede der Trossen besteht aus 54 Stahlseilen und wird in einem der Löcher mit einer Art großem Metallstöpsel befestigt, dessen Arme sich unter dem Rumpf ankerartig ausbreiten. Der computergesteuerte Hebevorgang, mit Modellen im nautischen Laboratorium von St. Petersburg geprobt, erfolgt dann im Zentimetertempo. Die Zugkraft jeder einzelnen Trosse wird dabei individuell geregelt, um die Auf den ursprünglich 155 Meter langen Rumpfes wirkenden Kräfte zu minimieren. Um eine gleichmäßige Belastung der Befestigungspunkte zu gewährleisten, reduzieren große Kompensatoren den Einfluss des Seeganges. Zwei Meter hohe Wellen können so ausgeglichen werden.

Mindestens einen Tag soll die Aktion in Anspruch nehmen. Die vom ehemaligen niederländischen Verteidigungsminister Willem van Fekelen und dem russischen Ex-Außenminister Alexander Bessmertnykh geleitete, internationalen Kursk-Foundation hatte zuvor ein unabhängiges Sicherheitsgutachten in Auftrag gegeben. Darin kam eine Gruppe von Wissenschaftlern unter Leitung der Nuklear- und U-Bootexperten Carel Prins zu dem Schluss, dass die Gefahr einer Beschädigung der beiden Atomreaktoren an Bord des U-Bootes durch die Bergungsaktion ausgeschlossen werden kann.

In gezähnten Klammern unter dem "Giant 4" hängend, wird die "Kursk" dann in den Hafen von Murmansk gebracht. Dort wird die Kombination mit Hilfe von zwei weiteren Pontons in ein Trockendock gehoben. Erst hier wird das Wrack leergepumpt und die Leichen der Besatzung können geborgen werden. Ob sich die Unglücksursache ohne den fehlenden Bug klären lässt, gilt nach Expertenmeinung als fraglich.

Nach der ursprünglichen Geheimniskrämerei haben die Russen um die Bergung der "Kursk" eine PR-Offensive gestartet. Eine Internetseite gibt aktuelle Auskunft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben