Welt : Kurzer Prozess, hartes Urteil

Sechs Inder müssen nach der Vergewaltigung einer Schweizerin lebenslang in Haft.

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Platz da. Polizisten in zivil bahnen einem der Angeklagten den Weg ins Gericht. Foto: AFP
Platz da. Polizisten in zivil bahnen einem der Angeklagten den Weg ins Gericht. Foto: AFPFoto: AFP

Neu-Delhi - Vier Monate nachdem sie eine Schweizer Touristin vergewaltigt haben, wurden sechs junge Inder zu lebenslanger Haft verurteilt. Mit dem harten Urteil wollten die Richter offenbar ein Exempel statuieren. Es ist das erste Verdikt in einer ganzen Serie von Prozessen wegen Gruppenvergewaltigungen in Indien, die weltweit Entsetzen ausgelöst hatten. Die sechs Männer im Alter von 22 bis 30 Jahren hatten im März eine 39-jährige Schweizerin vor den Augen ihres gefesselten Mannes vergewaltigt.

Staatsanwalt Rajendra Tiwari war zufrieden mit dem Richterspruch. Das Gericht habe die Höchststrafe verhängt. „Das ist ein gutes Urteil.“ Lebenslang heiße, dass die Männer bis zu ihrem Tode hinter Gitter bleiben. Indien hatte erst jüngst die Strafen für Gruppenvergewaltigungen erhöht. Die Mindeststrafe wurde von zehn auf zwanzig Jahre, die Höchststrafe auf lebenslänglich angehoben.

Die 39-jährige Schweizerin und ihr Mann waren Mitte März im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh mit dem Rad in Richtung des berühmten Taj Mahal in Agra unterwegs. Als die beiden über Nacht am Waldrand zelteten, überfielen sechs Männer aus einem nahegelegenen Dorf das Paar, fesselten den Mann und vergewaltigten die Frau. Auch raubten sie ein Laptop und Handy.

Das Amtsgericht von Datia befand fünf der Männer für schuldig, die Frau missbraucht zu haben. Der Sechste wurde wegen Raubes verurteilt. Alle sollen lebenslang in Haft. Auch müssen sie eine Geldstrafe von umgerechnet 250 Euro zahlen. Die Verurteilten werden aber wahrscheinlich Berufung einlegen. Die Frau konnte die Männer laut Medien selbst nicht identifizieren, weil es dunkel war. Aber die Polizei überführte sie angeblich anhand von DNA-Spuren und Diebesgut, das man bei ihnen fand.

Der Fall hatte weltweit Schlagzeilen gemacht, nicht zuletzt weil er bewies, dass auch Urlauberinnen nicht sicher sind. Um den Imageschaden zu begrenzen, hatten Indiens Behörden alles daran gesetzt, die Täter schnell zu fassen und zu verurteilen. Das harte Urteil soll offenbar abschrecken und zeigen, dass Indien Übergriffe auf Ausländerinnen nicht duldet.

Doch typisch ist das nicht. Selten werden Vergewaltiger so schnell verurteilt. Noch seltener fallen Urteile so hart aus. Bis heute ziehen sich die „Schnellverfahren“ gegen fünf Männer hin, die eine 23-jährige Medizinstudentin am 16. Dezember 2012 in einem fahrenden Bus in Delhi vergewaltigten und folterten. Die junge Frau erlag später ihren schweren Verletzungen. Das brutale Verbrechen hatte Massenproteste entfacht. Der sechste Täter war im Gefängnis umgekommen. Ein Jugendgericht wollte ursprünglich am 11. Juli ein erstes Urteil gegen einen der Täter verkünden, der zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war. Er könnte mit drei Jahren Arrest davonkommen, weil Indiens Jugendrecht angeblich nicht mehr zulässt. Ein so mildes Strafmaß würde viele Menschen empören. Das Urteil wurde auf den 25. Juli verschoben, so dass nun das härtere Verdikt im Fall der vergewaltigten Schweizerin zuerst kam.

Viele Inderinnen warten dagegen Jahre oder Jahrzehnte auf Gerechtigkeit. Wie eine junge Frau aus Kerala, die 1996 als 16-jährige mehr als einen Monat lang von bis zu 40 Männern vergewaltigt wurde. Nach dem Heimatdorf des Mädchen ist der Fall als „Suryanelli“-Vergewaltigung bekannt geworden. Obwohl das Opfer zahlreiche Täter erkannte, wurden alle Angeklagten freigesprochen. Das Opfer musste aus seinem Heimatdorf fliehen.

Die Berichte über Vergewaltigungen hatten Indiens Image im Ausland lädiert. Als Folge sind die Touristenzahlen Anfang des Jahres angeblich um ein Viertel eingebrochen. Nun will die Regierung den Ruf verbessern. So sollen Taxifahrer, Hotelangestellte und Touristenführer Schilder mit der Aufschrift „Ich respektiere Frauen“ tragen. Die Buttons gibt es in zwölf Sprachen. Christine Möllhoff

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