Welt : Kurzer Traum mit bitterem Erwachen

RAINER W.DURING

BERLIN .Vor 40 Jahren ertönte ungewohnter Lärm auf dem Flughafen Dresden-Klotsche: Am 4.Dezember 1958, exakt um 11 Uhr 18, hob mit der "152" das erste in Deutschland gebaute Düsenflugzeug zu seinem Jungfernflug ab.Mit dem 35 Minuten langen Flug schienen die DDR-Luftfahrtingenieure ihren Konkurrenten in der Bundesrepublik um Jahre voraus zu sein.Doch nur drei Monate später, bei der zweiten Proberunde, zerschellte der Stolz der Parteiführung beim Landeanflug.Damit wurde das Ende der kurzen Episode des Flugzeugbaus im Osten Deutschlands eingeläutet.

Die Entwicklung der "152" begann unmittelbar nach Kriegsende.Die Rote Armee holte ehemalige Mitarbeiter zurück in die Dessauer Junkers-Werke, um dort ihre Arbeit fortzusetzen.Unter Leitung des Konstrukteurs Brunolf Baade entstand aus dem Strahlbomber Ju 287 die sowjetische EF 131, deren Entwicklung die deutschen Ingenieure auf russischem Boden unweit von Moskau fortsetzen mußten.Dort wurden auch die ersten Ideen für ein vierstrahliges Düsenverkehrsflugzeug mit der Bezeichnung "152" geboren.

Als die deutschen Konstrukteure 1954 aus Moskau in die DDR zurückkehrten, hatten sie als Geschenk der Sowjets die Pläne des Propellerflugzeuges Iljushin IL-14 im Gepäck, dessen Lizenzbau 1955 in Dresden aufgenommen wurde.Parallel zu den Arbeiten an der Iljushin begannen die Vorarbeiten für die Entwicklung des ersten deutschen Verkehrsjets.Im Westen lösten sie schnell Spekulationen über die heimliche Entwicklung eines Düsenbombers aus.Obwohl für den 40sitzigen geplanten Verkehrsjet noch keine einzige Bestellung vorlag, aber großes Interesse an den in der DDR gebauten Lizenz-Iljushins bestand, beschloß die Parteiführung unter Walter Ulbricht in einer totalen Fehleinschätzung 1958 die Einstellung des Baus der Iljushin und die Verschrottung der Produktionsanlagen.Ein Folgeauftrag aus China für 100 Maschinen ging so an die tschechoslowakische Konkurrenz.

Der Prototyp der "152" wurde dagegen pünktlich, wenn auch nicht vollständig, am Vortag des Maifeiertages aus der Werkshalle gerollt.Während Walter Ulbricht Orden verteilte, verdeckten Schutzkappen die leeren Triebwerksgondeln, denn die Produktion der vorgesehenen Düsenaggregate 014 beim VEB Entwicklungsbau Pirna hinkte hoffnungslos hinterher.Um überhaupt in die Luft gehen zu können, mußte die Maschine schließlich behelfsmäßig mit den Triebwerken des Düsenjägers Mig-19 ausgestattet werden.Rund sieben Monate später, am 4.Dezember 1958, konnte ein ausgewähltes Publikum aus Ingenieuren und Parteifunktionären dem Jungfernflug des Jets mit dem Kennzeichen DDR-ZYA beiwohnen.Nach der glücklichen Landung gab es Auszeichnungen für Testpilot Willi Lehmann und seine Crew.

Drei Monate später kam es dann zur Katastrophe.Beim Landeanflug zerschellte der Prototyp knapp sechs Kilometer vor der Landebahn bei Ottendorf-Okrilla und riß seine vierköpfige Besatzung in den Tod.Als Unglücksursache wurden später Mängel im Kraftstoffsystem ermittelt.

Als 1960 ein modifiziertes Modell in die Erprobung ging, war die "152" angesichts der rasanten Entwicklung auf dem internationalen Flugzeugmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.Die SED-Führung beschloß, den zivilen Flugzeugbau in der DDR zu beenden.Diesmal war es keine Fehleinschätzung.Folgeprojekte wie die Turbopropmaschine "153" sowie die Jets "154" und "155" kamen nicht mehr über das Attrappenstadium hinaus.Erst 1971 ging mit der ebenfalls erfolglosen VFW-614 in Bremen wieder ein deutsches Düsenverkehrsflugzeug an den Start.

Heute ist von der "152" in Dresden nur ein Rumpf als Museumsstück erhalten geblieben.Im Werk in Klotsche, wo bis zum Mauerfall NVA-Kampjets gewartet wurden, werden heute von Daimler Chrysler Aerospace Passagier-Airbusse zu Frachtern umgerüstet.

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