Lady Di : Tunnelblick

Dem britischen Gericht, das den Tod von Lady Diana aufklären will, liegen neue, bislang unbekannte Fotos aus der Unfallnacht vor. Ein Prozess soll endgültig klären, wie Diana zu Tode kam. Durch einen Unfall – oder durch Mord?

Markus Hesselmann
Lady Di
Was geschah wirklich bei der Todesfahrt?Foto: dpa

LondonSchon das Portal gebietet Ehrfurcht. Wer dann die Royal Courts of Justice betritt, wird überwältigt vom sakralen Gepräge des hohen Gerichts. Die große Halle am Boulevard Strand – im gotischen Stil errichtet und von Königin Victoria 1882 eröffnet – ist eine Kathedrale des Rechts. Zehn Jahre nach dem Tod von Prinzessin Diana hat in dem Londoner Gerichtshof jetzt eine Untersuchung begonnen, die alle Verschwörungstheorien um die Vorkommnisse jener Nacht in Paris beenden soll. Am 31. August 1997 starben Diana, ihr Lebensgefährte Dodi Al Fayed und der französische Chauffeur Henri Paul bei einem Autounfall in einem Tunnel in der französischen Hauptstadt. Leibwächter Trevor Rees-Jones überlebte schwer verletzt. Es war mehr als ein Unfall, behauptet Mohamed Al Fayed, Dodis Vater seitdem. Es war Mord. Der Milliardär, unter anderem Besitzer des Luxuskaufhauses Harrods, hat die öffentliche Untersuchung gefordert und sie nach Abschluss aller anderen langwierigen Ermittlungen britischer und französischer Behörden jetzt bekommen. „Dies ist kein Kriminalprozess“, stellt der Richter, Lord Justice Scott Baker, gleich zu Beginn klar. „Es geht nicht um Schuld.“ Es ginge darum, herauszufinden, „wie Diana und Dodi zu Tode kamen“. Sinn und Zweck eines solchen Verfahrens sei es aber auch, „öffentliche Beunruhigung sowie unbegründeten Verdacht und Spekulation zu zerstreuen“. Dann wiederholt der renommierte Richter die ungeheuerliche Anschuldigung: „Mohamed Al Fayed erhält aufrecht, dass dies kein Unfall war, sondern Mord, beruhend auf einem Komplott des Establishments, insbesondere seiner königlichen Hoheit Prinz Philip, des Duke of Edinburgh, der dazu den Geheimdienst benutzt habe.“

  Helle Wände, unscheinbare Holztische – der im Vergleich zum grandiosen Entrée wenig spektakuläre Verhandlungssaal passt zum nüchtern zivilem Auftritt des Untersuchungsrichters. Lord Scott Baker trägt keine Robe und schon gar keine dieser historischen Perücken, wie sie in britischen Kriminalprozessen immer noch üblich sind. Im einfachen Anzug sitzt er da. Er spricht langsam, bedächtig, im sauberen Oxford-Akzent, den Sprachschüler in der ganzen Welt aus Hörbeispielen kennen. Wenn er nicht spricht, kaut er auf dem Bügel seiner Brille herum. Das Bild des weißhaarigen Richters und seine wohl gesetzten Worte werden in einen Pavillon im Hof übertragen. Dort sitzen weitere Journalisten und andere Beobachter, die dabei sein wollen, wenn die Verschwörungstheorien um den Tod der Prinzessin noch einmal öffentlich diskutiert werden.

Bevor in der kommenden Woche die eigentliche Beweisaufnahme mit den Zeugenaussagen beginnt, erzählt Scott Baker – als „Hintergrund“ für die elf Geschworenen – noch einmal ausführlich die ganze Geschichte jener Nacht von Paris sowie der Tage zuvor. Und er illustriert sie mit Bildern. Schon hier will der Richter einige Zweifel zerstreuen. Da ist zum Beispiel das Paparazzibild der angeblich schwangeren Prinzessin vom Juli 1997. Dass Diana ein Kind von Dodi bekomme, sei ein Motiv gewesen, die Prinzessin umzubringen, hat Mohamed Al Fayed unter anderem behauptet. Unter dem Badeanzug im Leopardenmuster wölbt sich tatsächlich ein Bäuchlein. Unabhängig von späteren Analysen, nach denen Diana zum Zeitpunkt ihres Todes nicht schwanger war, weist Scott Baker darauf hin, dass dieses Foto aus der Zeit kurz vor dem Beginn von Dianas Beziehung zu Dodi Al Fayed datiere. Gleiches gelte für die ominöse Aussage der Prinzessin gegenüber Fotografen, dass diese sich auf eine „große Überraschung“ einstellen sollten. Die Prinzessin machte damals Urlaub im Mittelmeer auf Mohamed Al Fayeds Yacht. Sohn Dodi kam später hinzu und lernte Diana dort erst kennen.

 Mohamed Al Fayed hört sich die Worte des Richters an. Später wird er sich vor laufenden Kameras und Mikrofonen über dessen vermeintliche Voreingenommenheit beschweren.

Minutiös rekonstruiert Scott Baker anhand von Fotos und Stadtplänen den Fahrtweg des Unfallwagens vom Hotel Ritz zum Alma-Tunnel, in dem der schwere Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit in einen Pfeiler krachte. Inwieweit war Henri Paul, der Chauffeur des Mercedes, noch fahrtüchtig? Analysen wiesen auf Alkohol und Medikamente hin. Andererseits hätten Zeugen ihm ein völlig normales Verhalten bescheinigt. Welche Rolle hatten die Paparazzi, die dem davonrasenden Mercedes auf Motorrädern folgten? Und was war mit jenem weißen Fiat Uno, den der Mercedes vor dem Unfall oder währenddessen geschrammt hatte? Alles Punkte, die zentral sind für die Anschuldigungen Mohamed Al Fayeds. Sie wurden von den bisherigen Ermittlungen entkräftet, werden nun aber noch einmal aufs Neue verhandelt.

Gleiches gilt für die dunklen Ahnungen der Prinzessin. Richter Scott Baker verliest Aufzeichnungen Victor Mishcons, des im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren verstorbenen Anwalts der Prinzessin. Nach ihrer Trennung von Prinz Charles wolle man sie töten, vertraute die Prinzessin demnach dem Anwalt an. Es solle wie ein Autounfall aussehen. Aber nicht nur das: Camilla Parker-Bowles, Prinz Charles’ langjährige Geliebte, solle gleich mit „beseitigt“ werden. In Wirklichkeit wolle Prinz Charles nämlich Tiggy Legge-Bourke, das Kindermädchen der Prinzen William und Harry, heiraten. Auch ihr Butler Paul Burrell hatte berichtet, dass sich die Prinzessin bedroht fühle.

Burrell könnte wie Leibwächter Rees-Jones, der stets beteuerte, sich an den Hergang des Unfalls kaum zu erinnern, in den Zeugenstand treten. Mohamed Al Fayed würde dort am liebsten auch Prinz Philip und Prinz Charles und sogar die Queen sehen. Da ein Präzedenzfall für solche Zeugenaussagen fehlt, ist das theoretisch sogar möglich. Britische Medien halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass Al Fayeds Anwälte damit durchkommen.

Scott Baker bittet die Jury, unvoreingenommen an den Fall heranzugehen. „Vergessen Sie alles, was sie bisher dazu gehört und gelesen haben.“ Die Geschworenen sollen sich selbst ein Bild machen. Am Montag reisen sie deshalb an den Ort des Geschehens nach Paris. Der Prozess ist auf bis zu sechs Monate angelegt.

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