Länger leben : Gaggenau – das Paradies auf Erden

Ein Forscherteam will herausfinden, was Menschen für ein längeres Leben brauchen. Dafür werden die Bewohner der badischen Kleinstadt befragt.

Clara Lipkowski
Gaggenau im Nordschwarzwald ist ein beschaulicher Ort - und nun Gegenstand einer Langzeitstudie.
Gaggenau im Nordschwarzwald ist ein beschaulicher Ort - und nun Gegenstand einer Langzeitstudie.Foto: dpa

Wie muss man leben, um möglichst lang zu leben? Wie schafft man es, länger zu leben? Einmal abgesehen von Sport und gesunder Ernährung? Ausgerechnet die Kleinstadt Gaggenau in Baden-Württemberg soll als Pionierstadt herhalten, um das herauszufinden – mit einem über acht Jahre lang angelegtem Großprojekt von Forschern aus Mannheim und Tübingen.

Mit lebensverlängernden Forschungen ist der 30 000-Einwohner-Ort – Eigenbezeichnung: "Pulsierendes Zentrum am Tor des Murgtals" – bisher weniger bekannt geworden. Er liegt acht Kilometer von Baden-Baden entfernt an der Murg, einem Nebenfluss des Rheins und hat viel Industrie. Daimler ist der größte Arbeitgeber der Stadt.

Die Forscher suchen Veränderungsmöglichkeiten für ein besseres Leben

Jetzt hat ein Forscherteam der Uni-Kliniken in Mannheim und Tübingen sowie das Mannheimer Zentrum für seelische Gesundheit die Stadt für sich entdeckt und einen Feldversuch gestartet: Die Forscher unter der Leitung von Joachim Fischer von der Medizinischen Fakultät Mannheim wollen erstens herausfinden, wo Verbesserungsbedarf in den städtischen und gesellschaftlichen Strukturen Gaggenaus besteht, um dann Verbesserungen vorzuschlagen und sie in der Gesellschaft umzusetzen. Immer mit dem Anspruch, dass alle davon profitieren, vom Baby bis zum Greis.

Beispielsweise sei bekannt, dass Kinder sich jeden Tag bewegen sollen, sagt Fischer, wie kann das in Kitas gewährleistet werden? Oder wie kann in Betrieben die Arbeitssituation so verbessert werden, dass die Mitarbeiter nicht nur Ergebnisse abliefern, sondern auch zufrieden dabei sind? Fischer nennt Beispiele: Helleres Licht in einem Unternehmen habe gezeigt, dass Arbeiter zufriedener ihrer Tätigkeit nachgehen. Führungskräften, die es nicht geschafft hatten, für ein angenehmes Arbeitsklima zu sorgen, hatten in gesundheitsorientierten Workshops genau das gelernt.

Noch nie gab es in Deutschland ein vergleichbares Experiment

Das Projekt nennt sich plakativ "Ein gutes Jahr mehr." "Mit der Betonung auf "gutes", sagt Fischer, denn erst einmal wolle man herausfinden, wie sich das Leben in der Gegenwart verbessern ließe – mit dem erwarteten positivem Nebeneffekt, dass es sich dadurch verlängert. "Ein Jahr ist da überhaupt kein unrealistisches Ziel", sagt Fischer. Die Politik im Bundesland jedenfalls ist entzückt und schiebt das Projekt in den ersten drei Jahren mit jährlich 350 000 Euro an. "Noch nie konnte in einem Feldversuch dieser Größe ein solches Unterfangen umgesetzt werden", schwärmt die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Danach muss Gaggenau in die Tasche greifen. Dessen Oberbürgermeister Christof Florus (parteilos) war von vorneherein begeistert. Er habe sich seit acht Jahren der Lebensqualität seiner Stadt verschrieben, jetzt erhoffe er sich noch detailliertere Auskünfte über die Belange seiner Bewohner, sagte er dem Tagesspiegel. Wenn die Forscher erst einmal ausgewertet haben, was die Gaggenauer für ein längeres Leben brauchen, ist es an der Stadtverwaltung, die Maßnahmen umzusetzen.

Nun aber gehe es erst einmal in einer Bestandsaufnahme mit Interviews und Befragungen los, sagt Fischer. Natürlich könne man nicht jeden der knapp 30 000 Gaggenauer befragen, aber es werde keine soziale Gruppe ausgegrenzt. Wie aber sich nach acht Jahren errechnen lässt, ob die Studie Erfolg hat, erklärt der Wissenschaftler so: "Wir vergleichen die Gaggenauer mit einer Gruppe aus Ergebnissen anderer Studien, die genauso strukturiert ist, also beispielsweise gleich viele 40-Jährige oder Schulkinder hat.

Die Gaggenauer Community nimmt's gelassen

Und warum in einer Dauer von acht Jahren? So viel Zeit brauche die Gesellschaft, um die Veränderungen wirklich aufzunehmen. Und warum Gaggenau? "Die Kommune hat die richtige Größe, bietet Zugang zu Unternehmen wie Daimler", sagt Fischer und hat einen aufgeschlossenen Oberbürgermeister, der schon früh seine Stadt ins Spiel gebracht hatte.

Wie auch immer das Projekt konkret umgesetzt wird, die Gaggenauer Community nimmt’s freudig-gelassen. "Gaggenau wird wohl noch zur Metropole", postet ein Bewohner auf der Facebook-Seite der Stadt. Ein Stuttgarter schreibt: "Schatz, wir ziehen zurück nach Gaggenau." Nur eine Nutzerin fürchtet wahrlich Schlimmes: "Oh Gott, das bedeutet nichts Gutes für die Nachbarschaft von deinem Opa, wenn der noch älter wird." Aber soweit muss es ja erst einmal kommen. (mit dpa)

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben