Lager in Dolo Ado : Die Rettungsstation

Not, Tod, Verzweiflung. 15 000 Menschen aus Somalia haben sich ins Lager beim äthiopischen Dolo Ado geflüchtet. Neben dem Hunger haben sie noch einen zweiten Feind: die Al-Shabab-Milizen.

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Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe zu suchen.Weitere Bilder anzeigen
Ingrid Müller
29.07.2011 22:50Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe...

Die Hoffnung in Dolo Ado ist mindestens so groß, wie dieser Flecken Erde normalerweise vergessen ist. Hierher, an die äthiopische Grenze in das Dreieck zu Kenia und Somalia, führt nicht einmal eine richtige Straße. Addis Abeba, die Hauptstadt, ist 1000 Kilometer entfernt, von dort dauert es anderthalb Tage oder länger noch, um hierher zu kommen, 14 Stunden davon über unbefestigte Schotterpisten und Baustellen. Dolo Ado hat nur sandige Pisten, bei Wind sind in den roten Wolken Fußgänger kaum zu erkennen. Die Stadt hat nur wenige gemauerte Gebäude, die meisten Familien wohnen in Häusern aus Buschwerk, das nach und nach mit Lehm befestigt wurde, oder in kugeligen Nomadenhütten, den Akal.

Und doch ist Dolo Ado für so viele Menschen zum Ziel ihrer Wünsche geworden – 115 000 Somalier haben sich hierher aufgemacht, weil sie keinen anderen Weg mehr sahen zu überleben. Mehrere Regenzeiten sind ausgeblieben, für das letzte Vieh hatten sie kein Futter mehr. Sie hoffen auf Essen, Unterkunft, Sicherheit. Schon seit einigen Monaten kommen immer mehr Menschen über die Grenze, aber im Juli waren es plötzlich jeden Tag 2000. Darauf war der Ort nicht vorbereitet, die Vereinten Nationen sprechen von der größten Hungerkatastrophe seit 60 Jahren in der Region. Die Welle der Verzweiflung brach über Dolo Ado herein.

Die Verzweifelten sind ungewöhnlich ruhig. 15000 Menschen leben derzeit im sogenannten Transitcenter, das für 1500 Flüchtlinge vorgesehen ist. Doch außer dem Husten und Wimmern der Kleinsten ist in dem überfüllten Lager nicht viel zu hören. Eigentlich sollen sie hier nur ein paar Tage bleiben, aber das neue Lager, das gerade eingerichtet wird, ist noch nicht fertig. Anfang der Woche sollen nun schwere Maschinen kommen.

Halema Mussel ist eine der wenigen Alten, die es bis hierher geschafft haben. Ihr hageres Gesicht ist von einem Gebirge von Falten überzogen. Erschöpft hockt die gut 80-Jährige auf einer Plane am Boden, lehnt ihren mit einem zerlöcherten braunen Tuch bedeckten Kopf müde an die Schulter ihrer blinden, kaum jüngeren Nachbarin. Sie hofft, ein Laken und eine Matte zu bekommen, sie hat nichts aus Shagolow in Somalia mitgenommen. Es war eine Flucht, denn Shagolow liegt im Gebiet der islamistischen Al-Shabab-Milizen.

Ali Yakab hat die beiden Alten hergebracht. „Die ersten 50 Kilometer sind wir bei Nacht zu Fuß gegangen“, erzählt der 53-Jährige. Die Alten haben sie in einem Schubkarren transportiert. „Die Al Shabab haben uns nicht erlaubt zu gehen“, sagt er. Aber als das letzte Vieh gestorben war und sie merkten, dass sie von den Al Shabab nichts bekommen würden, sind sie trotzdem los. „Sie wollten, dass wir dort sterben“, sagt Ali Yakab.

Lange haben sie ausgeharrt und auf Regen gewartet, denn sie hatten eine kleine Farm. Vor einem Jahr dann hätten die Al Shabab angefangen, den Zehnten von allem Eigentum einzutreiben. „Wenn du zehn Ziegen hattest, haben sie eine genommen.“ Zuvor sei die Sache mit den Al Shabab für sie „nur politisch“ gewesen, sie hätten versucht, ihre Religion durchzusetzen, vor allem bei den Jüngeren. „Aber im vergangenen Jahr haben sie sehr unreligiös angefangen, uns zu unterdrücken.“ Und das, obwohl die Situation wegen des Hungers immer schlechter wurde.

Ali Yakab und die Seinen haben sich ihre Entscheidung lange überlegt. Denn sie wird eine für immer sein, glaubt er. „Wir sind jetzt ein Ziel für die Al Shabab, wir sind markiert. Wenn wir zurückgehen, bringen sie uns um.“ Dass das Al-Shabab-Regime abgelöst werden könnte, daran glaubt er nicht mehr. Von anderen im Camp hat er gehört, dass internationale Hilfe jetzt auch nach Somalia kommen soll. Für sie hätte das aber nichts geändert, sagt er. „Warum sollten sie die Hilfe nicht auch stehlen, wenn sie uns unser Vieh nehmen?“, fragt er und verscheucht eine Fliege aus seinem Gesicht.

Bisher kamen meist Frauen, Ali Yakab ist einer der wenigen Männer, die seit einigen Tagen eintreffen. Es gibt viele Gerüchte, warum bisher fast 90 Prozent der Flüchtlinge unter 18 waren und kaum erwachsene Männer. Eines davon heißt, Al Shabab lasse die Männer nicht gehen. Ali Yakab sagt, sie versuchten vor allem die ganz jungen zu erwischen, denn die könnten sie noch beeinflussen.

Lesen Sie mehr im zweiten Teil.

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