Welt : Land des Aberglaubens

Thomas Migge

1959 schrieb der italienische Kulturanthropologe Ernesto de Martino einen Fachbuch-Klassiker mit dem Titel "Italiens Süden und die Magie". De Martino beschrieb das Zusammenleben von christlichen und archaischen Verhaltensweisen in Süditalien. Er schilderte den traditionellen Aberglauben der Menschen des "Mezzogiorno". Das Buch des Anthropologen ist jetzt wieder aufgelegt worden. Der Grund dafür ist die seit einiger Zeit wieder weit verbreitete Debatte um den chronischen Aberglauben nicht nur der Süditaliener, sondern aller Bewohner des Landes.

Das staatliche "Amt für Betrug mit der Religion" hat in einer Untersuchung einmal ermittelt, dass mehr als 60 Prozent aller Italiener mindestens einmal im Jahr einen Magier, einen Kartenleger oder eine Zauberfrau aufsuchen. Vorsichtigen Hochrechnungen des römischen Sozialforschungsinstituts Censis zufolge machen die Italiener pro Jahr rund drei Milliarden Euro für das Abwenden böser Blicke, für Zukunftsvoraussagen und andere Zaubereien locker.

Die, so ein Sprecher der italienischen Bischofskonferenz, "Magiemanie unserer Katholiken", scheint genetisch bedingt zu sein. Das jedenfalls behauptet Paola Bressan. Die Psychologin an der Universität Padua ist in einer wissenschaftlichen Studie der Frage nachgegangen, warum die Italiener im europäischen Vergleich so ungewöhnlich intensiv abergläubisch sind.

Untersucht wurden von Signora Bressan 100 Personen zwischen 19 und 60 Jahren. Mit Hilfe von Testfragen versuchte die Psychologin herauszufinden, bis zu welchem Grad die Befragten bestimmte eintretende Ereignisse als pure Zufälle begreifen oder als Begebenheiten, denen man besser mit irgendeiner Form von Magie begegnen muss. Die Testpersonen wurden also regelrecht nach ihrem abergläubischen Verständnis abgefragt. Dabei ermittelte die Wissenschaftlerin, dass 75 Prozent der Befragten sich in keiner Weise in ein Schicksal fügen wollen, sondern bereit sind, die Hilfe eines magischen Fachmanns oder einer Fachfrau in Anspruch zu nehmen, um das negative Ereignis abzuwenden oder in seiner Wirkung zu schmälern.

Paola Bressan interpretiert ein solches Verhalten keineswegs als anachronistisch, als nicht mehr zeitgemäß. Ganz im Gegenteil zu dem Anthropologen Ernesto De Martino sieht sie im abergläubischen Verhalten ihrer Landsleute etwas durchaus Positives. "Die Italiener haben im Laufe der Jahrhunderte ein Verhalten entwickelt, mit dem sie versuchen, das für sie unerklärliche Schicksal in den Griff zu bekommen, ob das nun funktioniert oder nicht", erklärt die Wissenschaftlerin.

Paola Bresson geht deshalb davon aus, dass die große Zahl von Personen, die Magiern und Wahrsagern vertraut, "nur mit einer im Laufe der Zeit entstandenen genetisch bedingten Veranlagung erklärt werden muss". Eine Veranlagung, so die Psychologin, "die wie auch andere kulturbedingte Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die typisch italienische Vorliebe für lautes Reden oder wildes Gestikulieren, zum genetischen Rüstzeug fast aller meiner Landsleute geworden ist."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben