Lange Nacht der Wissenschaften : Gummibärchen unterm Messer

Nachgestellte Kriminalfälle, Sezieren am offenen Gummibärbauch und den Mensch als Magnetenhaufen erkennen: Die 8. Lange Nacht der Wissenschaften lockte zu Recht 188.000 Besucher an.

Torsten Hilscher[ddp]
Lange Nacht der Wissenschaften
Eine Puppe im Hochspannungslabor. -Foto: ddp

BerlinDie beiden Chirurgen im Virchow Klinikum sind rabiate Kerle: Ihre Patienten bekommen keine Betäubung, man trägt weder Handschuhe noch Mundschutz, und am Ende werden die Operierten ungefragt verspeist. So schön kann ein Eingriff an wehrlosen Gummibärchen sein. Diese und ähnliche skurrile Szenen waren es, die auch die 8. Lange Nacht der Wissenschaften am Samstag wieder zum Renner in Berlin machten. Nach Angaben einer Sprecherin wurden 188.000 Besuche registriert, 31.000 mehr als im Vorjahr. Heruntergerechnet auf Besucher waren 30.000 Menschen unterwegs. Sie hatten - Potsdam, Wildau und Teltow mitgezählt - fast 1800 Möglichkeiten, ihre Neugier zu stillen.

Unter anderem bei der Gummibärchen-OP. Als Angebot des Virchow Klinikums der Charité zog sie vor allem Kinder an. Betreut wurde die Schaustation von Assistenzarzt Michael Singer. Er zeigte den beiden Brüdern Nils und Felix Scharain, wie das mit der Knopflochchirurgie funktioniert. Dafür waren auf dem Flur der Kinderchirurgie künstliche Bäuche aufgebaut. Der 14 Jahre alte Felix und sein neunjähriger Bruder Nils durften mit echtem OP-Besteck darin liegende Gummibärchen sezieren. Sichtbar wurde das Gemetzel auf einem kleinen Monitor. Die Jungs waren begeistert.

So wünschten es sich die drei Präsidenten der Berliner Universitäten bei der Eröffnung der Langen Nacht 2008. Schließlich sollte der Nachwuchs fürs Forschen und Entdecken interessiert werden. Den Startschuss für die "klügste Nacht des Jahres" gab Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), in dem er im Berliner Institut der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) auf einen Permanentmagneten stieg und vor aller Augen zwei Zentimeter hoch über dem Boden schwebte.

Der Mensch: Ein Wesen aus vielen Magneten

Die Welt des Magnetismus war es auch, den die Einrichtung auf dem Campus der Technischen Universität in Charlottenburg zu ihrem Schwerpunkt der Nacht bestimmt hatte. Dem staunenden Publikum wurde auf der Eröffnung neben dem Senatorenflug die Wirkung menschlicher Magnetfelder demonstriert. Immerhin besteht nach Aussage von PTB-Leiter Wolfgang Buck auch der Mensch aus vielen kleinen Magneten. Grundsätzlich gebe es überall da Magnetfelder, wo Strom fließt. "Wie in unseren Nervenzellen", sagte der Wissenschaftler, um gleich darauf einen Freiwilligen zu zeigen, der in einem superstarken Magnetresonanztomographen nur durch Augenbewegung Magnetfelder erzeugte.

Was passiert, wenn die Nerven einmal blankliegen, konnten sich Wissensdurstige am Sitz des Landeskriminalamtes (LKA) anschauen. Dort lautete das Motto: "Von der Spur zum Urteil". Die Kriminalisten stellten dazu vor ihrem Gebäude einen tödlichen Verkehrsunfall nach. Von der Spurensicherung über deren technische Analyse bis hin zum Stellen des Täters und seiner Verurteilung wurde alles rekonstruiert.

Bemerkenswert für die mehreren Tausend Besucher schien vor allem, dass die meist promovierten Kriminaltechniker so gar nicht ihren schrulligen TV-Vorbildern ähneln. Zum Beispiel Frank Springer. Der Glasfachmann setzt eher auf Konzentration und Wissen, wenn er winzige Splitter auf ihre Herkunft hin untersucht. Und Miriam Rolfes ist mit ihrem Team darin geübt, Sprach-Nuancen aus anonymen Anrufen herauszuhören und zuzuordnen. Eine oft mühevolle, aber lohnende Arbeit. Für ihren Kollegen Florian Glitza steht fest: "Menschen hinterlassen immer Spuren."

Ein halbes Jahr arbeiteten die LKA-Fachleute an ihrer Versuchsanordnung einer überfahrenen Frau. Dann der Schock: Zwei Wochen vor der Langen Nacht ereignete sich das Szenario tatsächlich. Ein Mann überfuhr seine Frau absichtlich. Im Unterschied zum fiktiven Opfer überlebte sie den Vorfall jedoch schwer verletzt.

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