Welt : Langer Prozess

Der Kinderschänder Mario M. erzwingt mit seiner Kletteraktion eine Unterbrechung des Verfahrens

Lars Rischke[Dresden]

Nach mehr als 20 Stunden ist es endlich vorbei. Der Gefangene Mario M. steigt ganz langsam hinein in den Korb einer Hebebühne. Dann fährt der Korb nach unten. Es ist 3 Uhr 47. Nur der Regen ist zu hören. Ein paar wenige Kameraleute und Fotografen beobachten die Szene im nächtlichen Dresden, ein paar hundert Meter entfernt von der Außenmauer des Gefängnisses. Längst sind die Schaulustigen verschwunden, die mit Bierflaschen in der Hand und schwatzend auf das Gebäude gestarrt hatten, wo M. so lange ausharrte.

Vor dem Gefängnistor sagt ein übermüdet wirkender Polizeisprecher, womöglich habe M. auch der Regen mürbe gemacht. „Wir mussten keine Gewalt anwenden.“ Der 36-jährige M. war am Mittwochmorgen gegen 7 Uhr 20 bei einem Hofgang auf ein 13 Meter hohes Dach im Innenhof des Gefängnisses entkommen. Bereits zu Prozessbeginn am Montag hatte er für einen Tumult gesorgt, als er plötzlich aufgesprungen war. Dem einschlägig vorbestraften Sexualverbrecher wird vorgeworfen, Stephanie im Januar auf dem Schulweg entführt, fünf Wochen in seiner Wohnung gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt zu haben.

Die Polizei hatte den geständigen Peiniger von Stephanie in der Nacht mit einer Decke und heißem Hagebuttentee versorgt. Etwas deutlicher wurde am Donnerstag, worum es M. mit seiner Aktion ging. Polizeichef Klaus Fleischmann berichtete am Mittag in der Staatskanzlei, dass er verhindern wollte, dass seine Videoaufnahmen im Prozess gezeigt werden, auf denen er den Missbrauch von Stephanie festgehalten hatte. Er habe es ferner genossen, im Licht der Medien zu stehen, sagte Fleischmann. Zudem habe er verhindern wollen, dass der Prozess geordnet weitergehen kann.

Tatsächlich ging der zweite Prozesstag wegen der Geschehnisse nach nur wenigen Minuten zu Ende. Der Angeklagte sei übermüdet und nicht verhandlungsfähig, erklärte das Gericht. Das Verfahren soll nun am 21. November fortgesetzt werden. Aus Sorge vor einem weiteren Zwischenfall wurden die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft. M. sollen nun auch im Gefängnis Handschellen angelegt werden, nur in seiner Zelle nicht. Im Gericht muss er zusätzlich Fußfesseln tragen. Am Donnerstag bewachten ihn sieben vermummte Beamte eines Spezialeinsatzkommandos. Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) geriet wegen der Panne in die Schusslinie. Er sprach von einem auch für ihn peinlichen Vorgang zum „schlechtmöglichsten Zeitpunkt“ und schloss einen Rücktritt nicht aus. „Ich klebe nicht an meinem Sessel“, sagte er. Der Vorfall sei schlimm, weil das Opfer mit der Aktion in Angst versetzt werden konnte, auch wenn keine Fluchtgefahr bestanden habe.

Erbost wegen der Pannenserie ist nicht nur die Opposition, sondern auch der Anwalt der Familie. „Es kann nicht sein, dass eine Panne nach der anderen passiert“, kritisierte Anwalt Ulrich von Jeinsen. „Irgendwas ist nicht richtig im Staate Sachsen.“ Die inzwischen 14-jährige Stephanie wird nach seinen Angaben derzeit abgeschirmt. Bereits am Vortag hatte die Familie den für Donnerstag geplanten Zeugenauftritt aus Sorge um die Sicherheit ihrer Tochter abgesagt. Ihr Anwalt schloss aber nicht aus, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt doch noch gehört werden könnte. „Stephanie ist die wichtigste Zeugin.“

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