Welt : Lass uns schlafen, Liebling

Zahlen, Daten, Fakten: Deutsche Männer interessieren sich immer weniger für Sex

Saskia Eversloh

Dita von Teese lächelt vom Titel, in blütenweißem Mieder mit passenden Satinhandschuhen, das Haar ordentlich in Locken gelegt. Fast wie eine Braut, die darauf wartet, erneut zum Altar geführt zu werden. Wären da nicht diese schwarze Strapse unten links im Bild von „Penthouse“.

„Bei den Männern meine ich eine neue Prüderie zu beobachten: Die Titel, die keine nackten Mädchen zeigten, die mehr Richtung Lifestyle gingen, haben sich wesentlich besser verkauft. Früher galt: je schärfer, desto besser. Heute ist Ästhetik gefragt. Es sollte nicht zu sexy, zu provokant, eher ein bisschen bedeckt sein.“

Eine Erkenntnis von einem, der es wissen muss: Markus Boden, Chefredakteur von „Penthouse“, mit – nach eigenen Angaben – 110 000 verkauften Exemplaren liegt das Magazin noch hinter „Maxim“, „FHM“, „Matador“. Nachdem der zweitälteste Titel mehrfach eingestellt und wieder aufgelegt wurde, soll ihn das 25-jährige Jubiläum wieder nach oben bringen. In dieselbe Klasse wie die Nummer eins, den „Playboy“ mit einer verkauften Auflage von 270 000.

Bis zu einem Fünftel haben Männermagazine im vergangenen Jahr an Auflage verloren, auch das erste Quartal 2007 ist nach IVW-Auflagenliste für fast alle rückläufig. „Männermagazine sind keine Auslaufmodelle, aber es handelt sich um einen hart umkämpften Markt – auf dem sicher nicht alle überleben werden“, sagt Boden. Er setze mit seiner Clubtour, die im Juni starte, auf eine breite Bevölkerungsschicht auch außerhalb der Großstädte. Ländliche Bevölkerung als neue Zielgruppe.

Was ist los mit dem geschlechtsreifen Städter? Jüngste Umfragen zeichnen ein Schreckensszenario: „Jeder 3. Mann würde für Geld auf Sex verzichten“ – lebenslänglich. So betitelte eine auflagenstarke Zeitung eine Umfrage des Kondomherstellers Durex.

Ist den deutschen Männern die Lust vergangen? Drei von vier finden es völlig in Ordnung, wenn im Bett mal weniger läuft, während das nur 58 Prozent der Frauen so sehen. Gar jeder zweite freut sich mehr auf das Vorspiel als auf den Vollzug. So weit der Sex-Report 2007, ermittelt in einer Großumfrage des Instituts Gewis für die Magazine „GQ“ und „Glamour“. Schon im Vorjahr befürchtete jeder Fünfte, dass seine Partnerin öfter Sex haben will als er.

Frauenversteher, Kuschelsex, nun also allgemeine Lustlosigkeit? Eher allgemeine Orientierungslosigkeit. Das meinen zumindest die Macher der jungen Magazine, „Maxim“ und „Matador“, für die Traditionstitel wie der „Playboy“ Altherrenfantasien sind.

„Das Interesse der jungen Männer an den Themen Flirt, Liebe und Sex scheint weiterhin ungebrochen – nur der Informationsbedarf, ,wie Mann es richtig macht’ ist deutlich gestiegen“, sagt Florian Boitin, Chefredakteur von „Maxim“, das Ende 2006 mit fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal die größte Auflageneinbuße verkraften musste und heute bei einer verkauften Auflage von knapp 130 000 Exemplaren liegt. Er stelle bei seiner Leserschaft, Männern zwischen 20 und 39 Jahren, durchaus Veränderungen im Paarungsverhalten fest. Die Frauen artikulierten ihre sexuellen Wünsche weitaus aggressiver als zu Zeiten der Elterngeneration. Das bedeute für die Männer, dass sich bestehendes Rollenverhalten, ein altertümlicher Machismus überlebt habe.

Lautet die Unterzeile von „Maxim“ noch „Enter the Men’s Club“, so ist es im Heft Birgit Querengäßer, die den Jungs verrät, wo es langgeht. Acht verstörte Teilnehmer sind mit Fräulein Querengäßer und einem Flirtcoach im Nachtclub unterwegs. Während sie klagt, sie – und die meisten Frauen, die sie kenne – seien noch nie von einem fremden, sympathisch wirkenden Mann angesprochen worden, erklärt der Coach den Jungs, dass Frauen liebend gern über die „Gala“ sprechen und sich am unteren Rücken berühren lassen.

Bauer brachte 2004 „Matador“ als Antwort auf den Verlust der deutschen „Playboy“-Lizenz an Burda heraus. Im vergangenen Jahr kam das Blatt mit knapp zwölf Prozent Auflageneinbuße davon, die Auflage liegt zurzeit bei 166 000 Exemplaren. Wie Boitin setzt auch Peter Praschl, seit Herbst Chefredakteur von „Matador“, auf ein verändertes Rollenbild bei der jüngeren Zielgruppe:

„Ich glaube, dass Männer sich gewandelt haben. Sie denken nicht mehr, dass sie Machos, Helden, Krieger, Führer, Meister sein müssten, um als männlich zu gelten. Sie glauben nicht mehr daran, hyperaktiv und testosterongepeitscht sein zu müssen. Und sie haben keine Angst mehr, von diesen Männlichkeitsbildern abzuweichen.“ In gewisser Weise seien Männer so geworden, wie Frauen immer wollten, dass Männer sind: gelassener, einfühlsamer, nicht mehr so manisch von sich überzeugt. Das solle man durchaus für einen Fortschritt halten.

Doch manchmal ist der Fortschritt eben nur der Tausch eines Missstandes gegen einen anderen. Allein Autorin Stefanie Wilke scheint den Ernst der Stunde zu erkennen. Während ihr Chef den selbstreflektierten, gefühlsbetonten Mann preist, schwelgt sie in der Vorstellung, „von einer Naturgewalt vernascht zu werden“: „Das wäre dann endlich mal wirklich animalischer Sex mit einem schweren Tier!“, schreibt sie in ihrer Kolumne. Im Konjunktiv.

Denn einstweilen ist sie bemüht, den Jungs die Genanz zu nehmen: „Auch mit XXL-Männern haben wir Lust“, beschwört sie. Auch im „Matador“ gibt es keine Stiere mehr, nicht mal deren Bezwinger. Darauf müssen Frau Wilke – und mit ihr Generationen von Frauen – wohl bis zum nächsten Evolutionsschub warten, zumindest in heimischen Gefilden.

Was aber verheißt diese kleine Meldung, nicht weiter auffällig, fast unbeachtet, mit 1493 befragten Männern? Jeder vierte knipst das Licht aus beim Sex. Licht aus, das war die jahrzehntelange Rettung der Frau vor medial erzeugten Komplexen: zu dick, zu klein, zu schwabbelig. Licht aus, das war der Freibrief für den freien Fall jenseits des Schönheitsideals. Mühevoll hat Frau ihn abtrainiert: den Speck. Weggerubbelt, so weit es ging, die Cellulite. Aufpoliert das Selbstbewusstsein. Erst war es „Emma“, dann die Frauenversteher, später sogar die Werbung, die suggerierte: Dove darfst du sein! Und jetzt das: Licht aus!

„Er soll uns nackt sehen, so wie wir sind“, fordern derweil 43 Prozent der Frauen im Sex-Report 2007 – im Vorjahr war es erst ein Drittel. Allein, die Jungs tappen lieber im Dunkeln.

Ist sie das also, die neue Prüderie? Die Herren von den Nackten-Mädchen-Magazinen halten sich bedeckt: „Auswirkungen des Strom-Spar-Appells“, lautet der nüchterne Kommentar von „Playboy“-Chef Stefan Schmortte. Auch im Dunkeln könne man grandiosen Sex haben, philosophiert Peter Praschl. Christian Kallenberg von „FHM“ – der seiner letzten Ausgabe spätestens mit seiner Sex-von-A-Z-Beilage das Image eines pornografischen Skurrilitätenkabinetts verleiht – tippt auf Sparsamkeit wegen erhöhter Strompreise.

Ein Blick in die Männermagazine aber verrät, nach Macho, Memme, Metro macht er sich nun also breit – schleichend, aber ungeniert: der bis in die Gliedspitzen feminisierte Mann. Während die Mädels in ihren Kolumnen von Analsex, schweren Tieren oder Drachentötern – wie Sophie Andresky in „Penthouse“ – fabulieren, adaptieren die Jungs zunehmend das weibliche Rollenverhalten: In „Maxim“ geben Flirtkursteilnehmer preis, wie sie sich ihr Handy von ihrer Auserwählten erklären lassen – mit Erfolg. Unter der Überschrift „Verführen wie ein Profi“ rät „Matador“-Autor Georg Schröder „Dosieren Sie sich: Sie schenken der Frau, die sie sich ausgesucht haben, einen intensiven Blick und widmen sich wieder Ihrem Drink.“ Oder „Lassen Sie sie zappeln: Sie müssten sie nur noch ausziehen. Genau in diesem Augenblick sollte Ihnen einfallen, dass es leider nicht geht.“ Ja, selbst im Traditionstitel „Playboy“ gibt es Ratschläge – wenn auch nur als Zehnzeiler – für den Herren „Wie man jede Frau verführt“: Den Regenschirm im Zug fallen lassen, damit sie ihn aufhebt. Danach erst mal rarmachen.

Das sind die Waffen einer Frau. Jahrzehntelang anerzogen: anlächeln, anlocken, abweisen, in letzter Sekunde doch noch ein verheißungsvolles Vielleicht.

Trotzdem, beim „Playboy“ scheint die Welt, zumindest, was die Auflage betrifft, noch in Ordnung. Zwar verzeichnete auch das älteste der Herrenmagazine im vergangenen Jahr einen Rückgang von 8,5 Prozent, doch konnte Chefredakteur Stefan Schmortte die Auflage nach dem Lizenz-Wechsel von Bauer zu Burda binnen vier Jahren von 160 000 auf 270 000 verkaufte Exemplare steigern. Schmortte: „Ein wichtiger Unterschied zu anderen Männermagazinen im Markt ist ganz sicher unsere starke journalistische Ausrichtung. Bezogen auf den ,Playboy‘ war ,sex sells’ immer nur ein Argument. Genauso zentral für den Verkaufserfolg ist die Interview- und Reportagetradition des Magazins. Sie kennen ja den Spruch: ,Ich kaufe Playboy nur wegen der Geschichten‘.“ Der Witz ist wohl, dass das stimmt.

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