Welt : Lauf ums Leben

Ein Vierjähriger wurde in Indien zum Marathonstar – jetzt darf er nicht mehr antreten

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Die einen feiern ihn als Indiens neues Sportwunder, für andere ist er dagegen ein Kindersklave, der sich für einen skrupellosen Trainer die Gesundheit ruiniert. Als „rennender Knirps“ oder „Marathonjunge“ ist der vierjährige Budhia aus dem ostindischen Bundesstaat Orissa zu umstrittener Berühmtheit gelangt. Zuletzt legte das Kind bei 40 Grad in rund sieben Stunden 65 Kilometer zurück – und kommt dafür angeblich ins nächste „Limca-Buch der Rekorde“, das indische Guinness-Buch.

Nun dürfte Budhias frühe Laufkarriere jedoch vorerst zu Ende sein. Der Staat Orissa will seinem Trainer verbieten, das Kind weiter auf Marathonläufe zu schicken. Gegen dessen erbitterten Widerstand ordnete die Regierung einen Gesundheitstest an. Der Befund der Doktoren: Der Vierjährige leide an Unterernährung, Blutarmut, Bluthochdruck und Herzproblemen. Wenn er weiter Langstrecken laufe, drohe ihm Nierenversagen – und er könne vorzeitig zum Krüppel werden. Die Ärzte empfehlen, dass der talentierte Junge zwar weiter läuft – aber nur unter professioneller Betreuung und seinem Alter angemessen.

Der Trainer Biranchi Das will dies allerdings nicht kampflos hinnehmen und vor Gericht ziehen. Dem Kind gehe es blendend, sagt er. Der Bericht der Ärzte sei einseitig. Biranchi Das brüstet sich damit, den Jungen gerettet zu haben. Budhia stammt aus bitterarmen Verhältnissen, niemand weiß, wann er genau geboren wurde. Sein angegebenes Alter von vier Jahren ist nicht mehr als eine Schätzung. Seine Mutter, eine Witwe, musste ihn als Zweijährigen für 800 Rupien – etwa 16 Euro – an einen Mann als Diener verkaufen, weil sie ihn nicht ernähren konnte.

Durch Zufall wurde Das, ein Judo-Trainer, damals auf das Talent des Slumkindes aufmerksam. Als Strafe für Fehlverhalten befahl er dem Kleinen, so lange um den Sportplatz zu rennen, bis er zurückkehren würde. Allerdings vergaß er das Kind: „Als ich nach fünf Stunden wiederkam, rannte er zu meinem Erstaunen immer noch“, zitiert ihn der britische Nachrichtensender BBC. Das kaufte Budhia daraufhin seinem Besitzer ab, übernahm später das Sorgerecht und ließ ihn fortan jeden Tag über mehrere Stunden rennen.

Bereits als Dreijähriger lief Budhia bis zu 50 Kilometer. Das „Wunderkind“ wurde für eine Reihe von Werbespots engagiert, die Medien bejubelten ihn als neue Sporthoffnung. Denn Indien leidet darunter, dass es trotz über einer Milliarde Einwohner so gut wie keine Weltklassesportler hat.

Der Rummel um Budhia erreichte in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt, als er einen 65 Kilometer langen Marathon der Polizei absolvierte: „Renn, Budhia, Renn“, feuerten die Sportkanäle den Jungen an. Erst als er am Ende vor Erschöpfung beinahe zusammenbrach, wechselte der Tenor.

Nicht nur Menschenrechtler, auch die Regierung von Orissa versuchten seit Monaten, die Schinderei zu stoppen. Sozialministerin Pramila Mullick warf dem Trainer vor, den Jungen auszubeuten, um sich selbst zu bereichern. Sie nannte ihn einen „Madari“ – das sind Leute, die ihr Geld damit verdienen, tanzende Affen vorzuführen. Biranchi Das zeigt sich aber noch uneinsichtig – er erhob Verleumdungsklage gegen die Ministerin. Sein Traum ist es, das Kind bis ins Guinness-Buch der Rekorde zu treiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben