Welt : Lauter kleine Kaiser

Viele Chinesinnen kontrollieren das Geschlecht ihrer ungeborenen Babys – Mädchen werden immer öfter abgetrieben

Harald Maass[Peking]

Die Untersuchung beim Frauenarzt kostet nur ein paar Yuan und dauert wenige Minuten. Doch immer häufiger entscheidet sie in China über Leben und Tod. Obwohl es offiziell verboten ist, überprüfen werdende Eltern in China mit Ultraschall vor der Geburt das Geschlecht ihres Kindes. Wenn es ein Mädchen ist, entscheiden sich die Frauen oft für eine Abtreibung. Die Folge ist ein wachsender Mangel an Frauen in der Volksrepublik.

Zwei Jahrzehnte nach der Einführung der Ein-Kind-Politik hat Peking zwar das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, an Chinas traditioneller Vorliebe für Jungen hat sich jedoch nichts geändert. Weil chinesische Eltern oft alles daran setzen, männlichen Nachwuchs zu bekommen, hat sich das Gleichgewicht der Geschlechter verschoben. Experten der Vereinten Nationen schätzen, dass in China derzeit rund 22 Prozent mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Im wohlhabenden Süden beträgt das Verhältnis Mädchen-Jungen oft 100 zu 130. Normal ist ein Verhältnis von 100 zu 106.

Kidnapping und Mädchenhandel

Die Folgen für die Bevölkerungsentwicklung und die soziale Stabilität sind enorm. In manchen armen Bauerngegenden ist der Frauenmangel schon heute so groß, dass Menschenhändler Geschäfte machen. Tausende Frauen werden jedes Jahr aus Vietnam, Burma und Nordkorea in die Volksrepublik geschmuggelt. Innerhalb des Landes mehren sich die Fälle von Kidnapping. Menschenhändler entführen Frauen in einer Provinz, um sie dann in einer anderen als Ehefrau zu verkaufen. Nach offiziellen Angaben wurden in den zwei Jahren vor 2003 mehr als 42 000 Entführungsopfer von der Polizei befreit – fast alle waren Frauen und Kinder. „In acht bis zehn Jahren werden wir in China einen Mangel von 40 bis 60 Millionen Frauen haben“, warnt der UN-Beauftragte für China, Khalid Malik.

Chinas Vorliebe für Jungen hatte einst wirtschaftliche Gründe. Weil die Töchter nach der Heirat das Haus verließen, waren Söhne die einzige Absicherung im Alter. Aus diesem Grund werden vor allem auf dem Land bis heute Mädchen abgetrieben. Doch auch in den Städten, wo die meisten Menschen über ihre Arbeit oder durch Versicherungen abgesichert sind, werden Mädchen weiter diskriminiert. Die Geburt eines Jungen gilt noch immer als besonderes Glück. Dementsprechend werden die „Xiao Huangdi“ – die kleinen Kaiser – in der Familie verhätschelt.

Söhne und Töchter

Durch die 1980 von der Regierung gestartete Ein-Kind-Politik hat sich das Problem verstärkt. Viele werdende Eltern lassen so lange abtreiben, bis sie einen Jungen gezeugt haben. Die Ein-Kind-Politik wird jedoch nur in den Städten strikt angewendet, auf dem Land durften Chinesen schon immer mehrere Kinder bekommen. Größeren Einfluss auf das Geschlechterverhältnis hat die moderne Technik. Selbst in den entlegensten Provinzen gibt es heute Ultraschallgeräte. Versuche der Regierung, deren Einsatz bei der Familienplanung zu verbieten, verliefen im Sande. Für 30 bis 40 Yuan (drei bis vier Euro) bieten staatliche und private Kliniken eine Geschlechtsbestimmung an. Eine Abtreibung, wenn es sich um ein Mädchen handelt, wird häufig gleich mit angeboten.

Auch in Peking ist man über den Männer-Überfluss mittlerweile besorgt. Auf der jährlichen Konsultativkonferenz im März warnte der Vizevorsitzende des Bevölkerungskomitees, Li Weixiong, vor einer „ernsten Gefahr“ für die Gesellschaft. Entführungen von Frauen und Prostitution könnten in Zukunft stark zunehmen, befürchtet er. Mit Aufklärungskampagnen will die Regierung versuchen, den fatalen Trend zu bremsen. Auf einem Poster, das vor kurzem in Dörfern aufgehängt wurde, steht: „Töchter sind genauso gut wie Söhne“.

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