Welt : Lebe wild und gefährlich

Die Bundesländer diskutieren ein Verbot von Raubtieren im Zirkus – aber es fehlt für sie an Gehegen

Dagmar Dehmer

Für Susanne ist die Sache klar. „Ein Zirkus ohne Raubtiere ist wie Fußball ohne Tore." „Einen Zirkus Krone ohne Tiere wird es niemals geben", stellt die Pressesprecherin des Unternehmens klar. Wer die Haltung von Wildtieren im Zirkus verbieten will, wie beispielsweise die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, kann bei Krone nicht auf Unterstützung hoffen. Obwohl auch der Zirkus Krone nicht mehr jede Tiernummer zeigt. Menschenaffen treten dort seit zehn Jahren nicht mehr auf.

Robert Kleß von „Vier Pfoten“ geht das jedoch nicht weit genug. Denn schließlich gebe es „auch Zirkusse, die auf Tiere verzichten“. Oft seien das sogar sehr erfolgreiche Unternehmen, ergänzt Undine Kurth. Die grüne Bundestagsabgeordnete und tierschutzpolitische Sprecherin der Fraktion in Berlin hält einen Zirkus mit Raubtiernummer oder Elefanten-Dressur sogar für „überholt“. Wenn sie schon kein Verbot der Wildtierhaltung im Zirkus erreichen kann, will Undine Kurth zumindest die Einführung eines Zentralregisters für Zirkus-Tiere durchsetzen. Darüber beraten am Mittwoch und Donnerstag auch die Fachleute aus den Bundesländern. Bei der Arbeitsgemeinschaft Tierschutz der Länder geht es in Schwerin vor allem darum, die Lebensbedingungen von Zirkus-Tieren zu verbessern. Aus der Sicht von Robert Kleß gibt es da nichts zu verbessern. Großkatzen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Giraffen, Seelöwen oder gar Menschenaffen sollten unbedingt aus der Manege verschwinden, findet Kleß. „Wildtiere haben Ansprüche an ihre Umgebung, die ein Zirkus schon allein wegen der ständigen Ortswechsel nicht erfüllen kann“, sagt Kleß.

Auch Astrid Funke, die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Tierschutz, meint: „Wildtiere gehören nicht in den Zirkus, weil es nicht möglich ist, sie artgerecht zu halten.“ Das sieht Susanne Matzenau vom Zirkus Krone naturgemäß anders. Schließlich halte ihr Zirkus die Tiere entsprechend den Vorschriften. Schon vor Jahren haben Zirkusse, Umweltverbände und die zuständigen Ministerien Leitlinien für die Haltung von Wildtieren entworfen. Dazu gehören beispielsweise Vorgaben für die Käfige oder den Auslauf, den Tiere haben sollen. Elefanten dürfen etwa, weil sie soziale Wesen sind, nicht allein gehalten werden. Außerdem sollten ihnen mindestens 100 Quadratmeter Platz zur Verfügung stehen. „Bei einem Winterquartier, wie wir sie häufig haben, in irgendeinem Schweinestall, ist das illusorisch“, sagt Kurth. Außerdem beklagt sie ein „riesiges Vollzugsdefizit“. So berichtet Kurth von einem Amtstierarzt in Sachsen-Anhalt, der bei einem Zirkus, der einen einzelnen Elefanten dabeihatte, nicht einschritt. Der Grund: Der Elefant sei doch mit zwei Dromedaren unterwegs. „Der Amtstierarzt hätte das Tier beschlagnahmen müssen“, sagt Undine Kurth.

Allerdings gibt es dabei einige praktische Probleme. Denn was soll ein Amtstierarzt mit einem beschlagnahmten Elefanten, Löwen, Tiger oder Eisbären anfangen? Es gibt nur wenige Orte, wo solche Tiere – besser als vorher in ihrem Zirkus – untergebracht werden können. Um dieses Vollzugsdefizit zu bekämpfen, verlangt Undine Kurth zumindest die Einführung eines Zentralregisters, damit sich die Amtstierärzte schon vor der Ankunft eines Zirkus über den Tierbestand des Unternehmens informieren können. Dass sich nur die großen Zirkusse nach den aus der Sicht von Tierschützern unzureichenden Leitlinien für die Wildtierhaltung richten, hält Undine Kurth für das größte Problem. Zwar weiß auch sie, dass es viele kleine Unternehmen gibt, die kaum genug Geld einspielen, um auch nur das Futter für die Tiere bezahlen zu können, geschweige denn Gagen für ihre Artisten. Doch die könnten sich auch mit ihren Tieren, „die unter unwürdigen Bedingungen leben müssen“, kaum noch halten. Diesen Unternehmen rät Kurth, „sich neu zu orientieren“. Susanne Matzenau hielte ein Verbot der Wildtierhaltung dagegen für völlig überzogen. „Das läuft ja auf ein Berufsverbot hinaus“, sagt sie. Außerdem wolle das Publikum die Tiere im Zirkus sehen. „Wir hatten Anfang des Jahres mal für einige Zeit keine Raubtiernummer. Denn es gab einfach keine gute. Da hagelte es Protest an den Zirkuskassen“, erzählt Matzenau. Inzwischen treten im Zirkus Krone wieder Raubtiere auf. Unter anderen zwölf „ bildschöne Löwen".

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