Welt : Leben auf Pump

Rico Czerwinski

Superschicke Hightech-Nike-Turnschuhe gesehen? Gerade noch Geld für Strümpfe? Kein Problem. Hauptsache, die Schuhe stehen nicht im Laden, sondern im Versandhaus oder im Internet. Dort, wo man nicht gleich bar bezahlt, sondern irgendwann. Auf Rechnung. Oder gar nicht. Viele Unternehmen haben für solche Fälle ja extra einen Posten einkalkuliert. Hat man die Schuhe, muss man nur noch ein bisschen kreativ sein. Und ausdauernd. Muss Mängelrügen schreiben, sich ansonsten tot stellen, kann gerne mal umziehen. Dann kann es gut sein, dass der Sachbearbeiter nach zehn, zwölf Monaten aufgibt. Kann aber auch sein, dass man vor Gericht muss, weil zu den Schuhen irgendwann noch der Fernseher und das Auto gekommen sind.

Die Zahlungsmoral der Deutschen hat sich im letzten halben Jahr auffällig verschlechtert. Mehr als die Hälfte aller privaten Schuldner bezahlten Außenstände nicht, obwohl sie eigentlich könnten. Für die deutschen Gerichtsvollzieher und den Bundesverband deutscher Inkassounternehmen e.V. (BDIU) Schritte in Richtung Schuldenfalle: Parallel zur Zunahme dieser so genannten "unredlichen Schuldner" haben sie eine deutliche Steigerung der Verbraucherkonkurse beobachtet. 13 500 Haushaltspleiten zählten sie in diesem Jahr, schon jetzt ein Drittel mehr als im vergangenen. Und fürs nächste ist ein Anstieg zu erwarten, den Ulf Giebel, Präsident des BDIU, "rasant" nennt: 50 000, schätzt er, "eine Welle".

Die Konsumgesellschaft scheint immer mehr Deutsche zu überfordern. Zur konjunkturellen Schwäche und Arbeitslosigkeit hat sich der unbedingte Wunsch gesellt, alles mögliche zu besitzen, sofort. Schon heute stehen mindestens 30 000 private Schuldner am finanziellen Abgrund, im "außergerichtlichen Schuldenbereinigungsverfahren", in dem sie sich mit ihren Gläubigern über Ratenzahlung, Stundung oder Teilerlass verständigen sollen. 4600 haben das schon ergebnislos hinter sich, müssen ihr Vermögen offen legen - und wenn dann keine gerichtliche Einigung zu Stande kommt: Konkurs anmelden. In diesem "Verbraucherinsolvenzverfahren" wird in Deutschland gerade das Vermögen von 8000 Menschen an ihre Gläubiger verteilt. An diese gehen danach sechs Jahre lang alle Einkünfte, die über dem Existenzminimum liegen. Dann Absolution: Alle Schulden gelten als erlassen.

2,7 Millionen Deutsche könnten heute diesen Weg gehen. Sie sind "überschuldet". Nach Ansicht der Inkassounternehmen besteht kaum Aussicht auf Besserung. "Es fängt bei den Kindern an", sagt Verbandssprecherin Hönings. Mit zwölf Jahren schuldet man in Deutschland durchschnittlich höchstens 13 Mark 50, am 18. Geburtstag sind es schon 1500 Mark. Mit 21 gut 6000. Und die Sportschuhbranche? Die boomt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben