Welt : Leben mit der Bebengefahr - Kalifornien ist besser gerüstet

In Kalifornien ist der Schock über die verheerende Katastrophe in der Türkei besonders groß. Denn neben der Erschütterung über den Tod tausender Menschen stellt sich die bange Frage, ob der "Goldene Staat" an der US-Westküste bei einem Erdbeben von ähnlicher Stärke in einem dicht besiedelten Gebiet glimpflicher davonkäme.

Viele Studien haben schließlich ergeben, dass Kalifornien im Laufe der nächsten 20 Jahre mit einem massiven Beben in den Regionen von Los Angeles und San Francisco zu rechnen hat. Einen "Warnschuss" erhielten die "Franciscans" in der Nacht nach der türkischen Katastrophe: Ein Erdbeben der Stärke 5,0 erschütterte die Stadt.

Was besonders aufhorchen lässt: Die Ähnlichkeiten zwischen dem San-Andreas-Graben, von dem die größte Gefahr für Kalifornien ausgeht, und dem Nordanatolischen Graben in der Türkei sind groß. Beide Systeme sind nach Expertenangaben lang, relativ gerade und verlaufen zwischen tektonischen Platten, wo sich seismische Energie relativ schnell aufbaut. Beide Gräben liegen an tiefen "Schüsseln" mit Sedimenten, die Schockwellen verstärken können, und Los Angeles und Istanbul direkt über solch gefährlichen Becken. Kein Wunder also, dass kalifornische Seismologen in die Türkei geeilt sind, um aus der Katastrophe zu lernen. Viele Experten sind sich indes einig, dass Los Angeles bei einem ähnlichen Erdbeben wie dem in der Nordtürkei glimpflicher davonkäme. Nicht aus seismologischen Gründen, sondern weil sich Kalifornien in den letzten Jahren besser für ein Beben gerüstet hat - in einem Staat mit blühender Wirtschaft freilich auch ein leichteres Unterfangen als in der Türkei. Kalifornien verfügt über strikte Regeln bei Neubauten, die nach dem San-Fernando-Beben 1971 mit 65 Toten drastisch verschärft und danach immer wieder modernisiert worden sind.

So wurden in Los Angeles strenge Inspektionen der mit Stahlrahmen versehenen Hochhäuser angeordnet. Der Grund: Während des Northridge-Erdbebens von 1994 mit einer Stärke von 6,8 auf der Richterskala waren an einigen Schweißnähten Risse aufgetreten. Generell bevorzugt Kalifornien "elastische" Bauten. Es wird immer weniger Stahl und mehr Beton verwendet. Dadurch sind die Gebäude "schwächer" und bewegen sich mit den Erdstößen. Die Idee dahinter: Es entstehen zwar Schäden, aber die Bauten stürzen nicht ein. Aus demselben Grund stehen viele neue Bauwerke auch auf einem mit Gummimasse gepolsterten Betonfundament. Zunehmend wird in Kalifornien zudem darauf verzichtet, mehrere Stockwerke über Erdgeschossen mit Glasfronten aufzutürmen. Solche Konstruktionen erwiesen sich bei vergangenen größeren Beben als besonders gefährlich. Ein weiterer Pluspunkt vor allem für Südkalifornien: Viele Menschen leben in Häusern mit Holzrahmen, die besonders flexibel sind.

"Wir sind besser vorbereitet, weil wir mehr Geld in unsere Gebäude stecken können", sagt Geophysiker David Jackson von der University of California in Los Angeles. Wie er glauben auch andere Experten, dass es im Fall eines ähnlichen Erdbebens wie dem in der Türkei in den kalifornischen Ballungszentren weniger Todesopfer gäbe - wenn auch die Zahlen immer noch in die Hunderte oder auch "niedrigen" Tausende gehen könnten.

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