''Leben mit Wölfen'' : Autorin erfand Autobiographie einer Jüdin

Eine große Lüge: Die Autobiographie der Belgierin Misha Defonseca, die ihre Geschichte eines jüdischen Mädchens auf der Flucht erzählt, ist frei erfunden. Defonseca entschuldigte sich mit den Worten, sie habe ihre Wahrheit erzählen wollen, die vielleicht nicht ganz der Realität entspricht.

Defonseca
Eine Fälschung: Das Buch von Misha Defonseca. -Foto: AFP

Paris/BrüsselDie Autobiografie einer Belgierin, die im Zweiten Weltkrieg angeblich von einem Wolfsrudel adoptiert wurde und so überlebte, hat sich als Fälschung erwiesen. Die in den USA lebende Autorin Misha Defonseca gab in der belgischen Abendzeitung "Le Soir" vom Donnerstag zu, die in ihrem Roman "Leben mit Wölfen" erzählte Geschichte erfunden zu haben. Defonsecas französischer Verleger Bernard Fixot äußerte sich enttäuscht über die Lüge der 70-jährigen Schriftstellerin und kündigte Konsequenzen an. Das Buch könne nicht mehr in seiner bisherigen Form erscheinen, sagte Fixot dem Radiosender RTL.

"Es ist wahr, ich habe ein Leben erfunden, ein Leben, dass mich von meiner Familie trennte, ein Leben fern von den Menschen, die ich verachtete", erklärte Defonseca, deren bürgerlicher Name Minique de Wael ist. Sie bat ihre Leser um Verzeihung: Das Buch erzähle zwar nicht die ganze Wahrheit, aber dafür "meine Wahrheit, meinen Weg zu überleben".

Auf der Flucht, von Wölfen begleitet

"Leben mit Wölfen" handelt von einer achtjährigen Jüdin, deren Eltern 1941 von der Gestapo verschleppt werden. Das Mädchen flieht über Belgien, Deutschland und Polen. Auf seiner tausende Kilometer langen Flucht wird es von Wölfen begleitet und schließlich in das Rudel aufgenommen.

Fixot, der weltweit die Rechte an "Leben mit Wölfen" hat, sagte auf RTL, das Buch sei immer noch eine "sehr schöne Geschichte", müsse aber künftig als fiktiver Roman gekennzeichnet werden. "Klar, es würde die Leute hinters Licht führen, wenn es als wahre Geschichte bezeichnet würde." Defonseca werde ihr Täuschungsmanöver "teuer bezahlen", betonte der Verleger.

Verleger: "Defonseca hat niemandem geschadet"

Zugleich verteidigte sich Fixot, dass er Defonsecas Geschichte als Autobiografie verlegt habe. Er habe der Autorin zu der außergewöhnlichen Wolfsgeschichte zwar Fragen gestellt, sie aber letztlich einfach geglaubt. "Ich kannte Misha sehr gut. Ich hatte wirklich Vertrauen. Wenn man Texte veröffentlich, prüft man nicht alles nach." Die Geschichte habe ja auch niemandem unrecht getan. "Es war eine sehr schöne Geschichte, die nur den Nazis Vorwürfe machte", betonte Fixot. Dennoch fühle er sich schuldig.

In der jüdischen Gemeinde Belgiens waren schon seit längerem Zweifel am Wahrheitsgehalt der Autobiografie laut geworden, da die Autorin nach ihrer Geburtsurkunde im Jahr 1941 erst vier und nicht acht Jahre alt gewesen sein konnte. Defonseca hatte sich noch vor wenigen Tagen tief verletzt über die Zweifel an ihrer Geschichte gezeigt. (sba/AFP)

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